von Renate Sebert, ZMF, DWLF ID 0449, Tübingen (E-Mail: rsebert@gmx.de)

Erfahrungsbericht  08.08.2010 – 31.08.2010 Mongolei
Prophylaxe in Tsetserleg –  Mongolei

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Ein unvergessliches Erlebnis

Schon immer wollte ich an einem zahnärztlichen Hilfsprojekt im Ausland teilnehmen. Die Möglichkeit eröffnete sich mir mit „Zahnärzte ohne Grenzen, DWLF”, denn ein Einsatz von  drei bis vier Wochen war auch für mich als  berufstätige ZMF mit unserer Praxis zu vereinbaren.

Ich wählte die Mongolei – das klingt nach unberührten, weiten Landschaften, anderer Kultur und nach Abenteuer.

In der Vorbereitungsphase erkundigte ich mich nach den technischen Voraussetzungen, die uns in diesem Land erwarten würden. Claus Macher von DWLF antwortete kurz: Es gibt Airscaler zur Zahnsteinentfernung, die aber noch nicht genutzt würden, und alles andere, was mein Arbeitsgebiet Prophylaxe und Mundhygiene betrifft, sei Pionierarbeit.

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Tsetserleg

Doch wo soll man anfangen, wenn offenbar kein Bewusstsein für die Notwendigkeit einer PZR, Karies-Entstehung und ihre Vermeidung etc…vorhanden ist. So entwarf ich einen Flyer mit kurzen Informationen und Bildern zur richtigen Putztechnik, den Tuul dann ins Mongolische übersetzen ließ, denn unsere Patienten sollten diese mit nach Hause nehmen. Dann sammelte ich viele Broschüren und Informationsblätter zu verschiedenen Themen: Speichelfunktion, Säureverlauf, Ernährung, Zucker… Eine sehr große Hilfe war meine Kollegin Ruth, die in der Kinder- und Jugendzahnpflege tätig ist und mir wertvolle Tipps gab und mir die richtigen Adressen für Prophylaxe-Informationsmaterialien nannte. Da unser Einsatzort ein Kinderkrankenhaus mit integrierter Kinderzahnstation war, mussten natürlich auch Mitbringsel für die kleinen Patienten mit ins Gepäck. So gingen 40 Stoffhündchen und Plüschschals, gespendet von der KSK Tübingen, mit auf die Reise.

Nach 12-stündiger abenteuerlicher Fahrt von Ulan Bator aus kamen wir bei                rs2_picture-067klein.jpg regnerischem Wetter gegen 23.00 Uhr in Tsetserleg an. Natürlich hatten wir Hunger und Durst und wünschten uns nach dieser holprigen Fahrt nur noch ein Bett. Im Krankenhaus waren schon 2 Zimmer für uns vorbereitet, gleich neben den Behandlungsräumen.  Da alle Lokale schon geschlossen hatten, organisierte man einen Supermarkt, der extra für uns nochmals öffnete und in dem wir alles fanden, was wir für unseren Mitternachtsimbiss benötigten.  Müde aber fröhlich stimmten wir uns auf unsere bevorstehende  Arbeit ein.

rs3_p1070119klein.jpgAm nächsten Tag machten wir uns mit den Gegebenheiten vertraut. Zwei gut ausgestatte Behandlungsstühle chinesischer Herkunft (sogar mit intraoraler Kamera die aber eine mangelhafte Auflösung aufwies) standen dort, außerdem hatten wir ein neues  Ultraschall-Gerät zur Verfügung. In einem Nebenraum konnten wir unsere Zahnbürsten, Zahncremes und Flyer auslegen und diesen Raum als Prophylaxeplatz nutzen, denn nach den ersten beiden Tagen war klar, dass wir an den Behandlungsstühlen außer Zahnreinigung keine Prophylaxe durchführen konnten, weil bei den vielen Patienten beide Stühle einfach gebraucht wurden.

rs4_p1060861klein.jpgDer Bedarf an Aufklärung war riesig.  Bei  sehr vielen Kleinkindern sahen wir das typische nursing-bottle-Syndrom, bei den älteren oft tief zerstörte Molaren und jede Menge Plaque. Aber auch die Erwachsenen wiesen unglaublich viele extraktionsreife Zähne auf.

Nach der Behandlung wurde jeder Patient in das Nachbarzimmer geleitet, wo er eine ausführliche Putzanleitung am Modell bekam und ihm  Zahnbürste, Zahncreme  und der Flyer  mitgegeben wurden.  Bei den kleineren Patienten holten wir die Mutter dazu, klärten auch sie auf, dass sie den Kindern nachputzen müssten, sie die Verantwortung für die Zahngesundheit ihrer Kinder hätten, und wir sprachen auch Ernährungsfragen an.

Damit diese Aufklärung nach unserer Abreise nicht ganz in Vergessenheit geraten möge, ließen wir rs5_p1060828klein.jpgdie mitgebrachten Ausmalbögen („gute” und „schlechte” Lebensmittel), Bilder mit Karies- und Parodontitis-erkrankungen, Zahnpuzzles etc. am Ort, so dass man jederzeit darauf zurückgreifen kann.

Ohne Sainaa, unserem unermüdlichen Dolmetscher, wäre diese Arbeit gar nicht möglich gewesen. Er war einfach überall, organisierte, übersetzte und übernahm die Putzdemo, wenn ich gerade Zahnstein entfernte.

rs7_picture-305klein.jpgBesonders interessiert und engagiert war unsere Helferin Suvda, die alles über Prophylaxe wissen wollte, immer Fragen stellte und unbedingt die Zahnsteinentfernung erlernen wollte (und ihren Wunsch erfüllt bekam). Ich habe ja nicht viel verstanden, aber sie redete ernst auf die Patienten ein und wirkte sehr überzeugend. Sainaa versicherte, sie hätte alles richtig wiedergegeben und die Patienten wollten ihren Rat befolgen. Das war genau das, was wir bewirken wollten – der Grundstein für bessere Mundgesundheit.

Neben unserer Arbeit hatten wir natürlich auch jede Menge Spaß. Am ersten Wochenende machten wir einen Ausflug zu den heißen Quellen. Wunderbar – duschen ohne Ende (im Krankenhaus gab es nämlich keine!). Die Schwefelquellen lagen wunderschön zwischen Edelweiß- und Enzianwiesen. Wir wanderten durch die einzigartige Landschaft, organisierten einen Ausritt zu Pferd (mein erster und letzter) und kamen total erholt am Sonntag wieder in Tsetserleg an. 

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Unser nächstes Wochenende verbrachten wir am „Weißen See”, etwa 170 km entfernt. Der Klinikchef stellte uns einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung. Wir übernachteten in ca. 2.200 m Höhe in einem recht komfortablen Ger-Camp, badeten im See, gingen erfolglos angeln und genossen die unberührte Natur.

Es war eine unglaublich schöne Zeit, die ich in der Mongolei verbringen durfte, ich habe so viele positive Erfahrungen gesammelt und kann nur jedem empfehlen, an einem Auslandsprojekt mitzuwirken.

02.10.2010, Renate Sebert

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