von Annette Kirchner-Schröder

Auf der gemeinsamen Fahrt nach Lauf, nutzten Jeanette Pies (Mainz, JUH) und ich (Kaiserslautern, DWLF) gleich die Gelegenheit, unseren Musikgeschmack zu vergleichen. Zum Glück lieben wir dieselben Songs, denn so eine Autofahrt nach Rumänien dauert zwei Tage…

In Lauf übernahmen wir von Lorand Szüszner (Johanniter) den beladenen Sprinter, in dem sich wieder ein Behandlungsstuhl, ein Sterilisationsgerät, eine Absauganlage, Schränke mit Materialien, etliche Koffer mit zahnärztlichen Instrumenten und die 100 Kleinigkeiten befanden, die man für diese Tour benötigt. Das Auto war vollgetankt und auch Mineralwasser in den Seitentüren fehlte nicht. Danke für die perfekte Vorbereitung!

Unsere erste Nacht verbrachten wir in Györ. Der Vorteil dieses Hotels liegt in seiner Nähe zur Autobahnabfahrt und in seinem unschlagbar günstigen Preis (39,00€ Doppelzimmer mit Frühstück). Leider suchten wir im Dunkeln etwa eine Stunde danach, weil wir die falsche Ausfahrt nahmen. Damit hatte sich der Vorteil der Autobahnnähe schnell relativiert.

Am nächsten Morgen ging es dann durch den morgendlichen Stau in Budapest, bevor wir entspannt auf der fast leeren Autobahn Richtung rumänische Grenze rollten. In Nyiregyhaza endet die Autobahn und danach heißt es, gut aufpassen.Unser Navi bestand aus Straßenkarte, Sonnenstand und Logik, denn die Beschilderung kurz vor der Ukraine und Rumänien ist nicht immer optimal.

Am Nachmittag erreichten wir endlich Badacin, den ersten Ort, an dem wir unsere Praxis aufbauen wollten.

Für mich war es der vierte Besuch dieses Behindertenheimes. Entsprechend stürmisch fiel die Begrüßung aus. Der Raum war gut vorbereitet und das Aufbauen konnte beginnen. Ich war sehr froh, dass Jeanette technisch sehr begabt ist und den Part des Zusammenbauens aller elektrisch betriebenen Geräte übernahm. Wie wir da so zu zweit inmitten des Durcheinanders all der Geräte, Kisten und Kästen standen, mussten wir mal kurz durchatmen…Frage: „Wie schaffen wir das bloß?“ Antwort: „Wir machen immer Eins nach dem Anderen!“

unbenannt_2_klein.jpgBeim ersten Aufbau brauchten wir am längsten, später, am letzten Ort der Tour, stand die Praxis innerhalb von 45 Minuten. Besonders erfreut waren wir, dass Mariana Grinov, Zahnärztin aus Bistrita, uns zum wiederholten Male unterstützte. Unsere Bilanz in 1,5 Tagen:

  • 69 Patienten (bei 72 Konsultationen),
  • 143 Extraktionen,
  • 21 Füllungen,
  • 1 Wurzelbehandlung,
  • 14 Zahnsteinentfernungen.

Dazu muss man wissen, dass viele Patienten so behindert sind, dass sie mit mehreren Leuten festgehalten werden müssen. Bei Anderen bedarf es großer Überredungskunst, bevor sie sich behandeln lassen. Glücklicherweise gibt es aber auch Bewohner, die bereits genau wissen, wie wir arbeiten und uns uneingeschränkt vertrauen. Für sie ist der 2-malige Besuch eines Zahnarztes ein Höhepunkt in ihrem Alltag, dem sie wochenlang entgegenfiebern.

Unsere Weiterfahrt führte uns ca. 130 km südlich nach Luncani. In Cluj Napoca sammelten wir Anne Meurer (Heidelberg, DWLF) ein. Sie wollte, ebenfalls zum wiederholten Male, in Luncani mitarbeiten. Die Bewohner des Wohnheimes der Asociatia Voluntara „ Castel Banffy” waren im Frühjahr von Jeanette saniert worden, so dass hier nur Kontrolluntersuchungen, Zahnsteinentfernungen und einige Kleinigkeiten anstanden. Danach kümmerten wir uns 3 Tage lang um Roma aus der nahegelegenen Siedlung Ica, deren Lebensbedingungen unvorstellbar sind.

Viele erwachsene Roma sind noch nie zahnärztlich versorgt worden. Alle waren sehr vertrauensvoll. Vor der Behandlung bekamen sie Gelegenheit zum Duschen und es wurde ihnen neue Kleidung ausgehändigt. Wir behandelten 70 Patienten, bei denen wir 147 Zähne entfernen mussten. Außerdem legten wir 59 Füllungen, entfernten 27mal Zahnstein und erhielten durch eine Wurzelbehandlung´einem 13-Jährigen den seitlichen Schneidezahn. Es ist oft nicht leicht zu entscheiden, welche Behandlungen unter den eingeschränkten Bedingungen möglich und sinnvoll sind.

In diesem Fall entschieden wir uns, auch aus optischen Gründen, für den Versuch der Zahnerhaltung, auch ohne die Möglichkeit der Anfertigung eines Röntgenbildes.

Und dann stand auch schon erneut das schweißtreibende Einladen des Sprinters auf dem Programm. On the road again…Wir nahmen Anne mit nach Cluj, von wo aus sie per Flugzeug die Heimreise antrat. Unsere Fahrt führte uns nun in die wunderschöne Landschaft der Karpaten, etwa 160km östlich von Cluj zu einem kleinen Ort namens Piatra Fântânele.

Von dort aus führt nur noch eine Schotterstraße, mit Schlaglöchern übersät, zum Gelände von „Tasuleasa social”, einem Verein, der sich vorrangig um Umweltprojekte bemüht und versucht, Jugendliche durch Pflanzaktionen, Flussreinigungen, den Bau eines Walderlebniszentrums sowie die Einrichtung eines pädagogischen Waldes auf eigenem Gelände mit der Natur in Kontakt zu bringen und für die Umwelt und den verantwortungsvollen Umgang mit ihr, zu begeistern. Dieses Gelände liegt wunderschön und wir hatten bei herrlichem Sonnenschein eine 360 Grad Panoramasicht auf die umliegenden Berge. Aber nur kurz, denn die Praxis war wieder aufzubauen und wir begannen sofort mit der Behandlung der jungen Erwachsenen, die hier fast jedes Wochenende als Ehrenamtliche Helfer mitarbeiten. Außerdem wollten wir die Mitarbeiter des Vereins zahnärztlich versorgen.In 1,5 Tagen sanierten wir 17 Patienten. Wir füllten 38 Zähne, extrahierten 14 Zähne und entfernten 11mal den Zahnstein.

In der Nacht gab es ein schönes Lagerfeuer unter einem prächtigen Sternenhimmel. Wir waren ziemlich müde, aber auch stolz auf das Geleistete.

Ein letztes Mal alles einladen, ein letztes kräftiges Frühstück mit vielen Spiegeleier, Tomaten, selbstgebackenem Brot und dann hieß es „la revedere” (auf Wiedersehen) und „drum bun” (gute Fahrt) auf unserem 2-tägigen Rückweg. Zeit, noch einmal alles Revue passieren  zu lassen, Zeit, sich langsam wieder auf das normale Leben einzustellen….

Ich danke herzlich allen Beteiligten an dieser Aktion, allen Spendern, den Johannitern für den Sprinter, vor allem aber Jeanette, Anne und Mariana für die wundervolle

Zusammenarbeit und den Mut, den wir uns gegenseitig zusprachen, wenn wir mal wieder am physischen und psychischen Limit waren.

Danke, Danke, Danke!

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