von Sebastian Herrlich (sebastian.herrlich [at] yahoo.com

Einsatz-Zeitraum 16.07-06.08.2015

SebastianHerrlich1Eine Reise in ein weit entferntes Land, einst mächtig unter der Führung von Dschingis Khan. Heute ein nach wie vor aufstrebendes Land mit immer größerer Industrialisierung in der Hauptstadt und dem Bestreben, wettbewerbsfähiger und Global-Player im asiatischen Bereich zu werden. Aber was bringt all das, wenn man nicht in der Lage ist, abseits der Hauptstadt, der eigentlichen Mongolei, die so leicht zu verhindernde Volkskrankheit Nummer 1 – Karies –  in den Griff zu bekommen?

Für mich, als frisch approbierten Zahnarzt sollte dieser Arbeitseinsatz mit DWLF in der Mongolei eine persönliche Bereicherung auf fachlicher und menschlicher Ebene darstellen. – Und was ich in diesen 3 Wochen vor Ort erlebt und gesehen habe, hat meine Vorstellungen bei weitem übertroffen.

OliverOettli2Das ging meinen Gruppenkollegen Hülya Coban und Nathalie Vollmar sicherlich genauso. Für unseren Gruppenleiter, Dr. Ernst Schmitz, der dieses Mal seinen vierten Einsatz in der Mongolei bestritt, fühlte es sich wohl eher wie ein Heimspiel an. Aber es gibt immer etwas Neues zu erleben, da kann man noch so oft in der Mongolei gewesen sein! Sein Leitsatz, den er bei jedem Abschlussgespräch – sowohl in den Einsatzorten als auch auf der abschließenden Pressekonferenz – predigte, war: „Was wir hier in der kurzen Zeit geleistet haben, entspricht einem Tropfen auf den heißen Stein! Lasst aus diesem Tropfen einen Bach entstehen und ihr werdet sehen, dass dies Wunder bewirken kann!“ Diese Aussage trifft den Nagel auf den Kopf!

Meine Erfahrungen aus den so zahlreichen Vorlesungen und Vorträgen während des Studiums, die so endlos erschienen und unter dem Strich sich irgendwann alle repetierten, wie leicht und einfachen sich Karies und die daraus resultierenden Folgen verhindern ließen, stellen in der mongolischen Steppe eine schier unüberwindbare Hürde dar.

Dies hat zur Folge, dass deutsche Zahnärzte/-innen durch eine logistische Meisterleistung von Frau Prof. Tuul Macher in die Mongolei gebracht werden und sich vor Ort in ihre Einsatzgebiete vorkämpfen – inklusive abenteuerlichen Wegen und in diesem Jahr einer besonders lang anhaltenden Regenzeit, welche die Beschaffenheit der Fahrstrecke umso schwieriger machte, sodass wir zum Beispiel für eine Strecke von nur 200 km eine neunstündige Schaukelfahrt – mit zweimaligem Steckenbleiben – in Kauf nehmen mussten.

OliverOettli4Und dies war nur eine Fahrt von vielen, um dann in den Einsatzorten feststellen zu müssen, dass beim Großteil der Bevölkerung, insbesondere den Kindern, stellenweise Hopfen und Malz schon verloren sind und wir letztendlich nur eine große Aufgabe haben:
In Akkordarbeit so vielen Kindern wie möglich die Schmerzen nehmen, und unserer Dolmetscherin, die eh schon zwischen den Behandlungsstühlen hin und her springt, noch Ernährungstipps und Prophylaxemaßnahmen zurufen, die sie dann immer wiederholend den Eltern und Kindern versucht klarzumachen.

OliverOettli5Diese alltägliche Situation bot sich uns im Khairkhan und Erdenemandal Sum (Arkhangai aimag) und stellte eine ziemliche Herausforderung dar. Hinzu kommt, dass sich unsere Gruppenmitglieder – bis auf ein kurzes Treffen beim Infomeeting Mongolei/Namibia in Nürnberg – nie zuvor gesehen und demzufolge kaum persönliche, geschweige denn berufliche Erfahrung von- und miteinander hatten. Umso erfreulicher war es, dass wir ziemlich schnell zueinander fanden und uns hervorragend ergänzt und ausgeholfen haben. Das ist eine Grundvoraussetzung, damit ein solcher Einsatz nicht bereits von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Es wurde gemeinsam an einem Strang gezogen (das Krankenhauspersonal mit eingeschlossen), so dass wir das Maximalste aus unserer Behandlungszeit herausholen konnten. Und wenn tatsächlich einmal etwas an den Behandlungseinheiten kaputt ging und es trotz eigenständiger Tüftelei nicht mehr in Ordnung zu bringen war, dann konnten wir Prof. Tuul Macher immer erreichen und sie tat alles in ihrer Macht stehende, um uns so schnell wie möglich auszuhelfen. Demzufolge sind Improvisationstalent und eine gewisse Belastbarkeit vonnöten, die man bei der Entscheidung einen solchen Trip zu machen, zwingend im Reisegepäck haben sollte.

OliverOettli6Zusätzlich sollten diverse Dentaldepots vor jedem Einsatz kontaktiert werden, damit man ausreichend Materialspenden mit in das Einsatzgebiet nehmen kann, wobei die meisten Einsatzteilnehmer am Ende einen separaten Koffer mit 20 kg an Materialien mit sich führten, diese aber vor Ort dringend gebraucht werden. Man kann noch so viele Zangen und Instrumente zur Verfügung haben, wenn man 5 Tage vor Behandlungsende ohne Anästhetikum dasteht, dann wurde definitiv falsch kalkuliert!

Damit eine solche Situation nicht vorkommt, werden Materiallisten von DWLF ausgehändigt, an denen man sich grob orientieren kann. Sicherer ist es jedoch jemanden zu fragen, der bereits ein- oder auch zweimal einen solchen Einsatz mitgemacht hat und mit ein paar wertvollen Insidertipps behilflich sein kann.

Darüber hinaus, war dieser Einsatz die Möglichkeit, Land und Leute kennen zu lernen, auf eine Art, die einem sonst eher verschlossen bleibt.

Nächte in der Jurte unter einem herrlichen Sternenhimmel verbringen, Pferde reiten, Bogen schießen und Knochenspiele, Einheimische in ihren Jurten besuchen sowie deren typisch mongolische Gastfreundlichkeit genießen und mit ihnen zum Abschluss des Abends – Chinggis Khan Vodka und Airag sei dank – heimische Lieder singen… so etwas erlebt man nicht alle Tage!

Wie könnte man den Mongolen aber langfristig und auch außerhalb der DWLF-Einsatzzeiten, die seit Jahren im Juli und August jedes Jahres stattfinden, am meisten helfen, abgesehen von der akuten Schmerzbehandlung?

Das eigentliche Problem kann auf diese Art und Weise nicht behoben werden. Wenn bei Kindern der durchbrechende 6er bereits so tief kariös zerstört ist, dass sich die Entzündung schon fast bis in die submandibuläre Loge ausgebreitet hat und die Mutter dann hinzukommt und fragt, ob wir hier noch eine Wurzelkanalbehandlung machen können, oder Kinder an wirklich jedem Milchzahn eine Entzündung aufweisen, dann läuft etwas grundlegend falsch. In diesem Falle ist es die fehlende Unterweisung der Kinder und Eltern in die für uns selbstverständliche und alltägliche Zahnpflege und die in diesem Zusammenhang auch immer zu erwähnende Ernährungsberatung.

Genau an dieser Stelle sollte sowohl das mongolische Gesundheitsministerium als auch die DWLF in ihrer Problembehandlung ansetzen. Es bringt unzureichende Langzeiterfolge, wenn nicht gegen das Urproblem vorgegangen wird. Das kann im lokalen als auch im globalen und immer wieder im aktuell politischen Geschehen beobachtet werden, und sofern man das nicht in den Griff bekommt, so wird voraussichtlich jeder weitere Einsatz, sei es in der Mongolei oder auch woanders, ein weiterer Tropfen auf den heißen Stein sein und daraus niemals ein Bach entstehen.

Um dagegen vorzugehen, müsste auf den höheren Ebenen kommuniziert werden. Verteilt die Gelder so, dass in jedem größeren Sum zumindest eine mobile zahnärztliche Einheit – die im Übrigen nicht mehr als 1200 EUR kostet – im lokalen Krankenhaus bereitsteht und macht den Zahnärzten das Leben auf dem Land etwas zugänglicher bzw. schmackhafter.

Was bringt es, wenn ¾ der mongolischen Zahnärzte in Ulaanbataar praktizieren, aber die Hälfte der Mongolen außerhalb dieser Stadt leben, in einem Land, das viermal so groß ist wie Deutschland und somit immer lange Wege bis zur zahnärztlichen Versorgung zurückgelegt werden müssen?

OliverOettli3Der zweite Aspekt, um eine Veränderung hervorzurufen, ist das Thema Bildung. Wenn es möglich ist, in jedem noch so kleinen Supermarkt im hintersten Winkel der Mongolei Schokorosinen zu kaufen bzw. die Auswahl der zu erhaltenden Lebensmittel sich zu fast 90% aus zuckerhaltigen Produkten zusammen setzt – Möhren zu kaufen ist schwieriger -, so sollte man es vielleicht auch hinbekommen, ein kleines bisschen mehr Informationen zum Umgang mit solch einem „Gefahrengut“ in diese Regionen zu bringen.

Jeder von uns, ob Zahnarzt/-ärztin oder Zahnarzthelfer/-in kann sich engagieren. Auch, wenn ihr zögert, ob so ein Einsatz wirklich das Richtige für euch ist, tut etwas Gutes. Schließt euch zusammen und mit wenig Aufwand und ein paar Euros hier und da, kann man viel erreichen. Vielleicht steht bald dank eurer Hilfe die so sehr benötigte mobile Behandlungseinheit im Khairkhan Sum – Keep the water flowing!

OliverOettli1

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