von Dr. Dieter Buhtz, Berlin (dieterbuhtz [at] web.de)

Mong2015-1Mit „Bayarlalaa“ (Danke) und „Bayartai“ (Auf Wiedersehen) verabschieden wir uns durchaus wehmütig in Khotont, unserem zweiten Einsatzort im Arkhangai Aimag, von der Klinikchefin Bolga und ihren Mitarbeitern. Bolga würde uns liebend gerne im nächsten Jahr wieder in ihrem Krankenhaus begrüßen. Auch wir halten das für eine gute Idee. Und wissen doch: Daraus wird wohl nichts.

Mong2015-2Wir, meine ehemalige Prophylaxeassistentin Doris Schoen, die Kollegen Inga Schwert und Viktor Schulz und unsere mongolische Dolmetscherin Ingusche, haben uns in Khotont eine Woche lang mit den Folgen des dramatisch exzessiven Zuckerkonsums der Mongolen auseinandergesetzt, nachdem wir auch zuvor schon bei dem ebenfalls nur einwöchigen Aufenthalt im 50 km entfernten Tuvshruuleh ausgiebigen Kontakt zur bedrückenden dentalen Realität in der Mongolei hatten. Sechs lange Tage haben wir auch hier in Khotont Zähne, oder was davon noch übrig war, entfernt, haben versucht, mit Füllungen den Extraktionszeitpunkt für tief kariöse Zähne ein wenig in die wahrscheinlich leider trotzdem nicht allzu ferne Zukunft zu verschieben. Haben Zähne auch bei schon akuter apikaler Symptomatik wurzelbehandelt, nur um die erste Lücke in der Front eventuell noch zu vermeiden. Und mussten wegen des beschränkten Instrumentariums selbst bei auf rudimentäre Hygienemaßnahmen zurückgeschraubten Ansprüchen noch Abstriche bei der Aufbereitung machen, um überhaupt genügend Instrumente für die anstehenden Behandlungen zur Verfügung zu haben. Prophylaxemaßnahmen? Dafür reichte die Zeit nicht, weil anderes dringlicher war, es sei denn, man würde die Aushändigung von Handzetteln oder die per Dolmetscherin transportierten Ratschläge, Süßigkeiten lieber auf einen Schlag zu essen und hinterher die Zähne zu putzen, als Prophylaxeunterweisung werten.

Mong2015-3Unser Team hatte zwei portable Units, Behandlungsliegen, OP-Leuchten und externe Absauganlagen sowie einen Drucktopf für die Sterilisation unverpackter Instrumente zur Verfügung. Vorhandenes chirurgisches Instrumentarium ließ hinsichtlich Funktionalität, Qualität, Anzahl und Korrosionszustand Wünsche offen. Materialien: Fehlanzeige, bis auf Anästhetika und Sets mit Spiegel, Sonde und Pinzette zum praktischen Einmalgebrauch. Mehr basierend auf eigener Erfahrung als allein auf den Empfehlungen der „Standard-Mitnahme-Listen“ von DWLF hatte unsere Gruppe jedoch vorausschauend alles Notwendige dabei, auch dank uneigennütziger und großzügiger Unterstützung durch Sponsoren, ohne die solche Einsätze schwerlich zu finanzieren wären:

  • 3M Espe,
  • Alpro Medical,
  • Coltène/Whaledent,
  • Hager & Werken,
  • Ivoclar Vivadent,
  • KaVo Dental,
  • Kerrdental,
  • lege artis,
  • Sigma Dental,
  • NWD Berlin & Ost,
  • Directa,
  • LAG Berlin zur Verhütung von Zahnerkrankungen e.V.;
  • die Fluggesellschaft MIAT

beförderte je Teilnehmer unentgeltlich 20 kg zusätzliches Gepäck. Und auch Tuul Sodnompil, der Geschäftsführerin von DWLF und Organisatorin des Hilfsprogramms, gebührt ein besonderer Dank für ihren Einsatz vor Ort: Unermüdlich war sie mit Helfern zwischen den Einsatzorten unterwegs, um Versorgungsengpässe zu stopfen. Auch unsere Gruppe konnte hiervon profitieren, war doch ein kleiner Teil unserer Ausrüstung bereits bei der Anfahrt zum ersten Einsatzort unbrauchbar geworden, als unser Fahrzeug mitten in einem durch Starkregen angeschwollenen Fluss verreckte und bis zur Sitzhöhe voll lief.

Zahnärzte ohne Grenzen“ (Dentists Without Limits Foundation – DWLF) sind seit acht Jahren während der jeweils kurzen Sommermonate Juli und August mit mehreren, in der Regel vierköpfigen Gruppen, bestehend aus zwei Zahnärzten und zwei Helfern, in der Mongolei im Einsatz. Oft werden die Gruppen auch noch durch mongolische Zahnärztinnen und Zahnärzte verstärkt, dann kommt es auch zu einem sinnvollen Erfahrungsaustausch und Wissenstransfer. So haben es Doris Schoen und ich auch 2011 bei unserem ersten Einsatz in der Mongolei in Erdene erlebt. Die Zahngesundheit hat sich seither trotzdem verschlechtert. Zucker ist die bevorzugte Droge der Mongolen und die Besitzer der Kaufmannsläden in den Dörfern sind die Dealer, denn Süßigkeiten machen gefühlt 80 Prozent ihres Warensortiments aus. In jeder Jurte, in jedem Amtszimmer stehen Leckereien schüsselweise herum. Wenn man dann den Eltern zweijähriger Kinder erklären muss, dass sämtliche Milchmolaren nur noch extrahiert werden können, wenn man elfjährigen Kindern völlig zerfallene Sechsjahrmolaren herausoperieren muss, packen einen schon mal Entmutigung und Zorn. Doch wer ist schuld, wer müsste, wer könnte etwas ändern? Die Eltern, die Politik, DWLF?

Die Zusammenhänge zwischen Kariesentstehung und den durch Demokratisierung des Landes und der damit zwangsläufig verbundenen Invasion von Cola & Co. veränderten Ernährungsgewohnheiten sind den meisten Menschen keineswegs bewusst. Aber es gibt auch Gegenbeispiele: Patienten mit zwar zum Teil reduzierten, aber ansonsten gepflegten und kariesfreien Gebissen oder  auch Zähne, deren Fissuren versiegelt wurden, belegen, dass es sehr wohl anders aussehen könnte. Also sind wohl zuallererst Aufklärung und Information gefragt. Wer aber soll das tun, wenn nicht DWLF?

Die lokalen Gesundheitspolitiker im Arkhangai Aimag gaben sich auf der Pressekonferenz nach Abschluss des Einsatzes engagiert, aber im Grunde wurden die gleichen Phrasen bemüht wie vor vier Jahren und wie wahrscheinlich auch noch in vier Jahren wieder. Ob derartige Lippenbekenntnisse ausreichen, um Grundlegendes zu ändern, darf bezweifelt werden. Die Zentralregierung bedient sich zwar gerne der Hilfe von DWLF, wahrscheinlich vorwiegend um die eigenen Defizite im Gesundheitsmanagement zu exkulpieren. Wäre da nicht Tuul Sodnompil, die für ihr Heimatland überaus engagierte und kompromissbereite DWLF-Geschäftsführerin, würde es zukünftig angesichts wohl immer restriktiverer vertraglicher Auflagen seitens der mongolischen  Regierung wahrscheinlich keine DWLF-Einsätze in der Mongolei mehr geben.

Dabei hätte DWLF allen Grund bei Verhandlungen selbstbewusst aufzutreten. Betrachtet man die nackten Zahlen, sind die Einsätze eine vorzeigbare Erfolgsgeschichte. Über 6000 Patienten haben die elf Gruppen laut DWLF-Statistik allein in der Zeit vom 19. Juli bis zum 31. August behandelt. Natürlich sind die von den Teilnehmern gemeldeten Zahlen mit einem gewissen Vorbehalt zu werten, da nicht nachprüfbar und die Erhebung im Ansatz nicht wirklich standardisiert. „Statistisch interessanter“ wäre eine Dokumentation der durchschnittlichen Verweildauer von Sechsjahrmolaren nach ihrem Durchbruch in die Mundhöhle gewesen …

Was aber könnte DWLF zukünftig anders handhaben,
eventuell besser machen?

Fakt ist: eine wirkliche Nachhaltigkeit unserer Tätigkeit ist in der Mongolei derzeit nicht gegeben. Angesichts des katastrophalen Mundgesundheitszustandes der Bevölkerung ist nicht wirklich nachvollziehbar, warum die elf Gruppen im Einsatzzeitraum in jeweils zwei unterschiedlichen Orten tätig waren. Mit dem erforderlichen zusätzlichen Auf- und Abbau und dem Ein- und Auspacken von Behandlungsgeräten, Instrumenten und Materialien sowie den zurückzulegenden Fahrstrecken wurde wertvolle Arbeitszeit schlichtweg vergeudet. Sechs Arbeitstage pro Ort waren einfach zu kurz, um gerade begonnene Behandlungen zu einem halbwegs befriedigenden Ende zu bringen, die Enttäuschung der Patienten verständlich, wenn man ihnen weitere Leistungen aus Zeitgründen verweigern musste. Wenn es nicht das erklärte Ziel ist, die gesamte Mongolei flächendeckend mit einem einmaligen Einsatz zu beglücken, wären sich jährlich wiederholende Einsätze in zuvor schon betreuten Orten von höherem Wert als das jetzige Procedere. Nur so hat Nachhaltigkeit ansatzweise eine Chance.

Während unseres Einsatzes 2011, durchgehend an einem einzigen Einsatzort und in personell stärkerer Besetzung, konnte Doris Schoen bei fast 200 Patienten gründlich Zahnstein entfernen und Prophylaxeunterweisungen vornehmen. Auf Nachfrage gaben die damaligen Patienten an, dass sie von allen Therapiemaßnahmen diese am meisten geschätzt hätten. Von kurzen Pseudo-Prophylaxe-Statements abgesehen konnten wir diesmal von umfangreicheren Prophylaxemaßnahmen nur träumen, waren dagegen vorrangig mit Schmerzbeseitigung beschäftigt, bisweilen leider auch mit dem Gegenteil. Damit sich das eines Tages endlich ändert, müssen in der Bevölkerung unbedingt Informationsdefizite hinsichtlich Kariesentstehung, Ernährung und adäquater Pflege abgebaut werden. Zu Beginn oder während eines Einsatzes sollte daher eine Informationsveranstaltung obligater Programmpunkt sein, so etwas ist leicht standardisierbar, ja könnte sogar täglich vor dem eigentlichen Arbeitsbeginn den dann in aller Regel schon in beträchtlicher Zahl Schlange stehenden Patienten angeboten werden. In unserem ersten Einsatzort Tuvshruuleh fiel unser diesbezüglicher Plan dem Desinteresse und der nahezu permanenten Abwesenheit des dortigen Klinikchefs zum Opfer, in Khotont hätte es fast geklappt: leider war aber zum fraglichen Zeitpunkt dann doch der Kulturpalast mit einer anderen Veranstaltung belegt und die Klinikchefin Bolga sich des Interesses der Bevölkerung nicht so ganz sicher…

Ein weiterer Punkt: Was nichts kostet ist nichts wert. Und sei der zu entrichtende Obolus noch so gering, er fördert die Wertschätzung der empfangenen Leistung und weckt das Bewusstsein, für die eigene Gesundheit verantwortlich zu sein. Ich habe diesbezüglich sehr gute Erfahrungen mit den swimming doctors der Stiftunglife in Myanmar gesammelt, wo alle Patienten (mit Ausnahme der Mönche und der Bedürftigen) den Gegenwert von einem Euro bezahlen, egal ob für eine Füllung in den Zähnen, eine Blinddarmentfernung oder einen Kaiserschnitt. Die Einnahmen könnten in der Mongolei dem jeweiligen Krankenhaus zur Verfügung gestellt werden oder auch als zusätzliche Motivation den gegebenenfalls mitarbeitenden mongolischen Zahnärzten überlassen werden. Leider sind nämlich 80% der mongolischen Zahnärzte in der Hauptstadt Ulaanbaatar tätig, auch wenn dort nur 50% der gesamten mongolischen Bevölkerung leben …

Mong2015-4Wertschätzung und Dankbarkeit fielen regional unterschiedlich aus. Manche Patienten erwarteten von uns deutschen Zahnärzten nachgerade Wunder. Anamnestische „Schmerzen bei Süß“ beließen ja meist noch Hoffnung auf eine Vitalerhaltung des erkrankten Zahnes, „Karies, aber keine Schmerzen“ wurde dagegen zum Pseudonym für extraktionsreife Zähne. Wenn unsere Dolmetscherin dann übermitteln musste, dass betreffende Wurzelreste nicht mehr mit einer Füllung zu versorgen seien, konnte es schon auch vorkommen, dass der Patient enttäuscht und grußlos auf eine Behandlung verzichtete und eventuelle zukünftige Schmerzen lieber wieder mit nach Hause nahm. Dankbarkeit wurde zumindest in unserem ersten Einsatzort Tuvshruuleh so selten geäußert, dass wir Viktor nur mit Mühe davon abhalten konnten, diese durch unsere Dolmetscherin einfordern zu lassen. Ganz anders im nur 50 km entfernten Khotont: Erstaunlich und berührend, wie selbst kleine Kinder sich artig mit „Bayerlalaa“ oder „thank you“ für zum Teil ausgesprochen intensive Erlebnisse bei ihrem häufig ersten Kontakt mit der Zahnmedizin bedankten.

Die Summation aller Eindrücke ist sicher entscheidend dafür, ob sich am Ende eines Einsatzes der Wunsch regt wiederzukommen.

Wiederzukommen in ein Land mit grandiosen Landschaften, unüberschreibbarem Himmel und phantastischen Wolkenformationen.

Wiederzukommen, um mit dem Auto mitten in einem Fluss stecken zu bleiben.

Wiederzukommen, um endlich wieder einmal zu improvisieren.

Wiederzukommen, um in einer Jurte zu schlafen.

Wiederzukommen, um die unvergleichliche Gastfreundschaft der Mongolen zu erleben, mit ihnen zu lachen und zu feiern.

Wiederzukommen, um schon zum Frühstück Murmeltier zu degustieren.

Wiederzukommen, um ultimativ eine Entscheidung zwischen Weißbrot und Imodium zu treffen.

Wiederzukommen, um wieder einmal bei Wodka und Ayrag nur zweiter Sieger zu sein.

Wiederzukommen, um sich nach einer Duschmöglichkeit zu sehnen.

Aber vor allem: Wiederzukommen um zu helfen.

Dieses Jahr waren es im Juli nur fünf von achtunddreißig Teilnehmern, die vorher schon einmal in der Mongolei tätig waren. Wie viele werden es 2016 sein, die dann nicht zum ersten Mal mit „Zahnärzten ohne Grenzen“ in die Mongolei fliegen?

Ein Strategiewechsel könnte zusätzliche Motivation bedeuten.

Bayartai Mongolei?

Bayartai Mongolei!


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