Fotobericht des Einsatzes von Dr. Wibke Schumann Download 


 von Dr. Mathias Jancke

Am gestrigen Mittwochabend sind wir spontan von Tsumkwe zurück nach Grootfontain gefahren, nachdem wir in Tsumkwe am Nachmittag fast keine Patienten mehr hatten, und nach Auskunft der Schwestern für den Folgetag nicht mehr zu erwarten war. 

Bei unserer Ankunft am vergangenen Montag in Mangetti stellten wir fest, dass wir nicht explizit angekündigt waren. Die für die ganze Region verantwortliche Schweizer Ärztin, Frau Dr. Bossard, hatte noch selbst versucht, bei Max Beyer in Grootfontain nachzufragen, aber ihn nicht erreicht. Trotzdem sprach sich unsere Anwesenheit in der kleinen Gemeinde schnell herum und wir haben bis zum Sonnenuntergang gearbeitet. Das Erfolgsrezept waren die von uns mitgebrachten Schachteln mit Buntstiften für die Kinder und die Zahnbürsten, die wir großzügig verteilten. Das sorgte in Windeseile für Zulauf, nicht nur von Kindern. Nach dem Einpacken war die Sonne bereits untergegangen und wir sind die ca.100 km im Dunkeln auf der graden Sandpiste nach Tsumkwe gefahren.

In der Tsumkwe Lodge, die Irmgard Beyer für uns gebucht hatte, haben wir dann bis zum Schlafengehen Instrumente gewaschen und sterilisiert. Am nächsten Morgen in der Tsumkwe Clinic war man dann ebenso erstaunt über unsere Ankunft und sagte uns, es wären wegen mangelnder Information keine Patienten zu erwarten. So sind wir gleich weiter nach Gam gefahren, Ankunft gegen 12:00 Uhr. Der Weg führt über ca. 130 km sehr gute Sandpiste, allerdings gibt es dort wild lebende Elefanten, vor denen auch Straßenschilder warnen. Die dortige Hererogemeinde ist viel kleiner als das sehr verstreute Wohngebiet um Tsumkwe, so kamen dann spontan viele Patienten zusammen und wir mussten eine Deadline setzen. Ausgerechnet der letzte uns aufgenötigte Fall wurde zu einem Problem und wir mussten in der Dämmerung Teile unserer Ausrüstung nochmal ausladen um eine Osteotomie durchführen zu können. Wibke als Oralchirurgin übernahm dann von mir, als meine Kräfte nachließen, und zerlegte den 47 fachgerecht.

image2_DxODie Rückfahrt nach Tsumkwe im Dunkeln war spannend, nachdem wir in der Klinik noch mal vor Elefanten auf der Fahrbahn gewarnt worden waren. Leider haben wir keinen gesehen.

Am nächsten Tag in der Tsumkwe Clinic erwarteten wir dann angemessenen Andrang in der Hoffnung, dass unsere Anwesenheit sich nun rumgesprochen haben sollte. Das war aber nicht der Fall. Die Patienten tröpfelten so nach und nach herein, das Arbeiten war sehr entspannt und mit längeren Pausen. Der uns angebotene Raum war absolut zu klein, aber die sehr freundliche und kompetente Oberschwester stellte uns das Foyer zur Verfügung. Dort haben wir 2 getrennte Arbeitsplätze eingerichtet für Kons bzw. Chirurgie (letzterer mit der Krankenhausliege), hatten unseren eigenen Eingang und waren vom restlichen Klinikbetrieb durch eine spanische Wand abgetrennt. Das waren optimale Verhältnisse, geht als Tip an die Nachfolgeteams.

Als nach 15:00 h niemand mehr erschien, entschieden wir und für die Rückfahrt nach Grootfontain noch am Abend. Leider genau gegen die untergehende Sonne, zum Glück bei wenig Gegenverkehr. Die totale Windstille lässt den Staub der Autos unendlich über der Piste verweilen, ein entgegenkommender LKW nötigt einen zum Anhalten und Warten. Max hatte bewusst auf eine kurzfristige Information der Outreachorte verzichtet, da dort die Einsatzliste vorhanden sei. Er meinte die DWLF sollte inzwischen als zuverlässige Organisation bekannt sein. Der Probelauf ging wohl in die Hose. Man kann hier eben keine deutsche Maßstäbe anlegen.

P1020727_DxOAn unserem ersten Tag in Grootfontain hat Max uns die Gegebenheiten gezeigt, die Township Omulunga, in der wir arbeiten sollten, den Materialschrank und die Geräte auf seinem Grundstück, und uns im Krankenhaus vorgestellt. Dort konnten wir vom Abend bis zum nächsten Morgen unsere Instrumente sterilisieren lassen. Den Rest des Tages verbrachten wir damit, uns mit Material und Geräten vertraut zu machen.

In Omulunga waren wir zunächst einen Tag in dem Kindergarten recht erfolgreich. Unter einem Sonnendach aus Wellblech haben wir unser Equipment auf einer Plane aufgebaut. Schon das wurde von vielen Kindern aufmerksam bestaunt und sprach sich schnell herum. 

An den folgenden 2 Tagen waren wir erstmalig an der nahegelegenen Primary School angekündigt. Die Direktorin fragte mich als erstes, wie lange wir den bräuchten, um ihre 1000 Schüler zu untersuchen und zu behandeln. Somit war sie unsere erste Patientin, denn den Zahn musste ich ihr ziehen. Aber dort konnten wir unser Equipment über Nacht verschlossen stehen lassen, was uns das Packen und Geschleppe am Abend und Morgen ersparte. Entsprechend waren wir dort am nächsten Tag sehr effektiv, nachdem wir den Nachschub an Patienten in erträgliche Bahnen gelenkt hatten. Als Tipp: Nicht eine ganze Klasse gleichzeitig ins Zimmer, sondern nur in 5er Gruppen kommen lassen. Dann ist der Lärmpegel erträglich und man wird nicht von neugierigen Kinderköpfen bei der Arbeit behindert. Nachmittags war dann das Personal dran und es kamen wohl auch einige Patienten ohne direkten Bezug zur Schule. Eine feste Station dort wäre sicher eine lohnende Sache. Das Setup müsste nicht jeden Tag neu erfunden werden, das Team wäre deutlich entlastet von logistischen Aufgaben und könnte sehr viel effektiver arbeiten. Auch Max wäre entlastet von der täglich neuen Organisation. Die Sterilisation könnte immer zum nächsten Tag im Krankenhaus erfolgen. Das würde ich gerne mit der DWLF diskutieren.

Bei so einem Einsatz lernt man sich sehr gut kennen. 2 Wochen Tag und Nacht zusammen, aufeinander angewiesen und ohne Entrinnen. Es erinnerte mich an meine Atlantiküberquerungen im Segelboot. Das Team hat ausgezeichnet funktioniert, es gab keine wesentlichen Missstimmungen und alle haben an einem Strang gezogen. Jede/r tat was er konnte, freiwillig und ohne Aufforderung, zuverlässig und teilweise bis zur Erschöpfung. Anfangs bin ich deutlich an meine Grenzen gestoßen, besonders die nervlichen. Die Damen haben Unmengen (ganze Kartons voll) Geschenke für die Kinder mitgebracht, Buntstifte und Wachsmaler (von Ikea gestiftet), lustige Knautschbälle, massenweise Zahnbürsten und Zahnpasta, kleine Kuscheltiere und Kleidung, Schuhe. Wir konnten nicht alles unter die Menschen bringen, ein erklecklicher Teil bleibt für die Nachfolger hier. Die Kinderkleidung haben wir zum Teil bei Frau Dr. Bossard für ihr Waisenhaus gelassen, den Rest und auch meine Kleidung und Schuhe in der Tsumkwe Clinic. Dort gibt es offensichtlich eine Verteilerstelle.

image1_DxOInsgesamt haben wir 176 Extraktionen, 30 Füllungen, 277 Checkups durchgeführt, aber wir hatten auch nur 6 tatsächliche Behandlungstage. Sehr viel Zeit und Anstrengung vergeht mit Verladen, Auf- und Abbau des Equipments, und mit der jedes Mal neuen Organisation der Arbeitsplätze. Ich habe zeitweise viel mit dem Equipment gekämpft. Die 4 vorhandenen Einheiten habe ich gecheckt und entsprechend ihrer Funktion auf Duct Tape beschriftet. Eine hat ein Druckleck am Schlauch für die Luft/Wasserspritze innerhalb der Einheit und geht damit gar nicht. Ins Outreach haben wir auch aus Platzgründen und nach den Erfahrungen in der ersten Woche nur eine mitgenommen, was völlig ausreichte. Dazu eine separate Absaugmaschine, die wir im Krankenhaus vorfanden (Atech suction unit Model: DS3701M) und von uns ausgeliehen werden konnte. Das war sehr hilfreich beim Füllungen legen, da sie auch einen großen Sauger hat. Da Wibke als Oralchirurgin die Füllungen mir überlassen hat, brauchte sie keine Einheit, konnte aber im Notfall auf meine zurückgreifen. Allerdings musste ich den Anschluss für den großen Sauger aus einem Stückchen Plastikrohr als Adapter improvisieren und das Gummi für den Kleinen Sauger aus der defekten Einheit entnehmen. Zumindest einen Originaladapter für den großen Sauger wäre nützlich mitzubringen. Auch eine Bedienungsanleitung gab es nicht, die richtige Funktion habe ich nur durch Zufall entdeckt. Der Kanister am Ablaufschlauch füllt sich nur wenn die Einheit eingeschaltet wird und beide Sauger sich in ihrem Halter befinden und auch wirklich den dahinter befindlichen Kugelknopf eindrücken. Das funktioniert nur in der richtigen Position, aber man kann das auch mit 2 Fingern machen. Sonst bleibt die Suppe in der Einheit und sorgt später für eine Sauerei beim Transport. Das ist auch wichtig beim Desinfizieren der Sauger am Behandlungsende. Nach dem Leeren des Kanisters den Schlauch hochhalten, die Einheit nach draußen rollen, dann den Rest aus dem Schlauch ins Gelände ablaufen lassen.

Die weißen Hebel an den Griffstücken funktionieren merkwürdigerweise gegenläufig, bitte ausprobieren. Der O-Ring an dem gelben Filter an der Vorderseite ist nicht vorhanden, das führt gelegentlich zu unschönem Kleckern an der Vorderseite, beeinträchtigt aber nicht die Funktion. Auch solche O-Ringe als Ersatz wären gut (Modellbezeichnung s.o.). Trotz der Schwierigkeiten würde ich auf die Sauganlage nicht verzichten wollen.

Mit den Einheiten habe ich mich schnell zurechtgefunden, aber die angeblich vorhandenen Originalbedienungsanleitungen (auch für andere Geräte) habe ich nicht gefunden und auch Max hat sie nicht. Nur für die kleine Absaugeinheit ist sie vorhanden (liegt beim Gerät), aber für diese fehlen Bakterienfilter, nur 2 sind vorhanden. Das reicht gerade für einen Tag. Auch hat sie nur einen Speichelsauger.

P1020600_DxOWir hatten keine Zeitangaben für die Sterilisation im Drucktopf und haben einfach 20 Min. bei maximalem Druck (wenn das Sicherheitsventil abbläst) als ausreichend angenommen. Die vorhandenen Brenneraufsätze für die Gasflasche waren beide undicht, Max hat am Sonntagabend noch einen neuen aus Omulunga besorgt. Mit dem neuen Brenneraufsatz kann auf die sperrigen Dreibeine verzichtet werden, aber bitte auf sichern Stand der Gasflasche achten. Ebenso undicht war der einzige funktionierende Drucktopfdeckel an den Ventilen und dem Manometer, der andere hat ein zerstörtes Manometer. Ich habe noch bei Max alle Schrauben von innen nachgezogen, unterwegs hätten wir dafür kein Werkzeug gehabt.

Die einzige Polymerisationslampe hatte verbogene Kontakte, mit der Leathermanzange konnte ich das richten. Aber ein Ersatzleuchtmittel habe ich nirgends gefunden. Noch funktioniert sie, aber wenn die Lampe durchbrennt gibt es keine Füllungen mehr. Das kommt mit auf die Liste für dringenden Bedarf.

Bei der mobilen Polylampe ist der Lichtleiter abgebrochen. Auch auf die Liste. Beim Nähen einer größeren Extraktionswunde stellte sich heraus dass es keine Schere gibt. Auch hier musste spontan der Leatherman ran. Kommt auf die Liste. Ich habe mich auch gefragt, warum in der Mappe sich eine ausführliche Anleitung für den Behandlungsstuhl im Krankenhaus befindet, aber sonst kaum Sinnvolles (Sterilisationszeit im Drucktopf?). Die Mappe haben wir nicht mitgenommen. Sinnvoller wären Angaben zu den Ansprechpersonen und den Gegebenheiten. 

Die Lodge in Tsumkwe war sehr gut und das Personal hilfsbereit. Außerdem hat Irmgard dort für uns einen ordentlichen Rabatt herausgeschlagen. Und selbst das spontane Auschecken am Mittwoch um 13:00 Uhr war kein Problem. Irmgard herzlichen Dank. Von meiner Freundin aus Kapstadt habe ich eine deutsche Steckdosenleiste mitgebracht, an deren Kabel ich ihr früher schon einen südafrikanischen (und namibischen) Stecker geschraubt hatte. Eigentlich gedacht für unsere Ladegeräte war sie aber für uns an allen Einsatzorten unentbehrlich. Alle Geräte (Einheiten und Saugmaschine) haben deutsche Schukostecker. Mit den hier vorhandenen Steckdosenleisten hätten wir keine Gehäuseerdung gehabt, das wollte ich nicht verantworten. Eine kleine Kabeltrommel habe ich von Max ausgeliehen, die vorhandenen funktionieren wohl nur mit den Aggregaten, die im Krankenhaus stehen (merkwürdige Stecker).

Im Materialschrank haben wir eine vorbildliche Ordnung vorgefunden und noch vieles entsprechend der Sortierung dazugepackt, vor allem was mein Vorgänger mir als sinnvoll gesagt hatte. Michael Schirmer herzlichen Dank dafür. Ohne seine Informationen wäre vieles daneben gegangen. Die uns von der DWLF zugesandte Liste ist irreführend weil nicht am aktuellen Bedarf ausgerichtet.

Jetzt gibt es Instrumentendesinfektion, dazu 2 Instrumentenwannen, Sauganlagendesinfektion, Bohrerbad, das alles als Konzentrat in größeren Mengen, dazu Desinfektionstücher und Händedesinfektion. Es sollte für einige Nachfolgeteams reichen. Alles Weitere wurde von uns aufgefüllt, deutlich mehr als wir verbraucht haben. Beschriftungen auf den Behältern habe ich ergänzt und teilweise präzisiert.

Mit dem Bohrersortiment habe ich mich ausgiebig beschäftigt und es sortiert. Was mir nicht sinnvoll erschien habe ich in kleine Plastiktüten verpackt und beschriftet, nicht entfernt. Es gibt nun ein Sortiment für den täglichen Bedarf, was aus der daneben stehenden Reserve ergänzt werden kann. Die Plastikbox mit den nicht sinnvollen Bohrern steht darunter. Gut zu haben wären noch Feinkorndiamanten und Hartmetallfinierer mit FG-Schaft zum Ausarbeiten der Füllungen. Für die Turbine ist alles vorhanden, aber Füllungen mit der Turbine ausarbeiten ist heikel.

Ohne Max und Irmgard wären wir hier völlig verloren gewesen, und der Aufwand für beide ist enorm. Hinzu kommt die wirklich luxuriöse Unterbringung mit allem Nötigen zur Selbstversorgung und der bei Ankunft schon gefüllte Kühlschrank. Ehepaar Beyer ist für das Projekt unverzichtbar. Für die Bevölkerung wäre es ein Schritt zurück in die Steinzeit wenn das Projekt nicht weitergeführt würde.

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Morgen reisen wir ab nach Windhoek, übermorgen von dort weiter. Die Damen nach Hause, ich verbringe noch ein paar Tage in Kapstadt.

Herzliche kollegiale Grüße aus Grootfontain,

Dr. Mathias Jancke

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