von Zahnärztin Linda Daume (lindadaume [at] hotmail.de)

Einsatz vom 02.10.-18.10.2015

Der kleine Inselstaat Kapverden, im atlantischen Ozean 460 km vor der Westküste Afrikas ,war für zwei Wochen unser Arbeitsplatz. Auf den insgesamt neun bewohnten Inseln leben ca. 520.000 Einwohner, davon allein 130.000 in der Hauptstadt Praia, unserem Einsatzort. Da wir das erste Einsatzteam vor Ort waren, war es gewissermaßen eine Reise ins Ungewisse. Wir – die zahnärztlichen Kollegen Dr. Klaus Fackler und Jan Schneider und die Zahnarzthelferinnen Marion Fackler und Dagmar Liebig – flogen mit insgesamt zehn Koffern voll mit gesammelten und gespendeten Materialien über Lissabon nach Praia/Santiago. Begleitet wurden wir von Frau Prof. Tuul Macher, die das Projekt vor Ort offiziell einweihte und uns bei der Organisation unterstütze. Dank der großzügigen Spenden von Sponsoren und Dentalfirmen hatten wir alles Notwendige dabei, um eine zahnmedizinische Basisversorgung auf Zeit zu ermöglichen. Ohne dieses Material wäre der Einsatz nicht umsetzbar gewesen.

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Wir wohnten in einem großzügigen Haus, im Stadtteil Palmarejo. Das erste Wochenende nutzten wir, um uns an die hohen Temperaturen und die hohe Luftfeuchtigkeit zu gewöhnen.

Unser Einsatzort war das Gesundheitszentrum Centro de Saūde Ponta D’Aqua. Hier werden die ersten drei Teams tätig sein. Anschließend sind weitere Einsätze in anderen Gesundheitszentren der Stadt geplant.

Morgens wurden wir von einem Minibus zum Zentrum gebracht. Vor Ort unterstützen uns der Zahnarzt und Projektleiter Dr. Ozias Fernandes und die Zahnärztin Dr. Elisabeth Rodriguez. Nicht zu vergessen Theresa, die gute Seele des Gesundheitszentrums.

Uns wurden zwei Räume zur Verfügung gestellt. In ersten Raum befand sich ein auf den ersten Blick moderner Behandlungsstuhl, der jedoch fast vollständig defekt war. Behandlungsmaterialien gab es vor Ort keine. Die beiden kapverdischen Zahnärzte erklärten uns, dass hier sonst ausschließlich Extraktionen vorgenommen werden. Andere zahnärztliche Behandlungen werden nur in Privatpraxen durchgeführt und sind für die einfache Bevölkerung nicht zu bezahlen. Im zweiten Raum waren die von der DWLF angeschafften mobilen Einheiten, Behandlungsstühle, Absauggeräte, Lampen, Drucktöpfe und weiteres Behandlungsmaterial eingelagert. Den ersten Tag nutzten wir um alle Geräte aufzubauen, in Betrieb zu nehmen und die Materialien für einen sinnvollen und praktischen Arbeitsablauf bereitzuhalten. Die mobilen Einheiten wurden in Betrieb genommen und funktionierten anfangs einwandfrei.

Am Dienstag wurde der Einsatz der DWLF auf den Kapverden offiziell mit einer Pressekonferenz eingeweiht und die Partnerschaft zwischen der DWLF und dem Gesundheitsministerium der Kapverden vorgestellt. Der lokale Stellenwert des Projektes lässt sich an der Anwesenheit von zwei Fernsehteams und weiteren Pressevertretern ermessen. Anschließend begann unsere eigentliche Arbeit.

kapverden_2Der Behandlungsbedarf der lokalen Bevölkerung ist enorm, sodass wir den Patientenzustrom begrenzen mussten. Zwischen 8:30 und ca. 15:00 Uhr ist das Gesundheitszentrum geöffnet und es konnte behandelt werden. Etwa 20 Patienten wurden täglich behandelt. Wo immer möglich versuchten wir Zähne mittels Füllungstherapie zu versorgen und den Gedanken des Zahnerhalts bei der Bevölkerung zu etablieren. Trotzdem waren viele Extraktionen nötig. Vor allem Kinder und Jugendliche hatten einen extrem schlechten Zahnstatus. So ist es keine Seltenheit, dass bei Grundschulkinder im Alter von 6-9 Jahren die Sechsjahrmolaren vollständig zerstört sind oder bereits fehlen und das fast alle Milchzähne kariöse Läsionen aufweisen. Durch die frühzeitigen Zahnverluste sind Fehlstellungen keine Seltenheit. Füllungen oder prothetischer Zahnersatz waren bei unseren Patienten so gut wie gar nicht vorhanden. Prophylaxebehandlungen sind gänzlich unbekannt.

Da es vor Ort bisher kein Röntgengerät gibt, konnten wir nur wenige endodontische Behandlungen im Bereich der Frontzähne durchführen. Der Erwerb eines Röntgengerätes ist aber von der DWLF geplant und wird die Arbeit unserer Nachfolger sicherlich erleichtern. Der Kapverder geht nur bei akuten Beschwerden zum Zahnarzt. So war einigen Patienten der Sinn einer allgemeinen Kontrolle und Befundaufnahme nicht ersichtlich. Sie zeigten immer nur auf den Zahn der ihrer Meinung nach gezogen werden sollte.

Die Kommunikation mit den Patienten funktionierte recht gut. Dr. Elisabeth Rodriguez spricht recht gut Englisch und war uns mit ihren Übersetzungen ins Portugiesische eine große Hilfe. Sonst waren Worte wie abra (öffnen), feche (zubeißen), extração (Extraktion) oder chumba (Füllung) schnell gelernt. Fixe (gesprochen fisch) ist aber das wichtigste Wort, es bedeutet auf Kreolisch so viel wie alles in Ordnung!

Aufgrund des großen Behandlungsbedarfs wurden viele Patienten mehrfach einbestellt und auch auf unsere Nachfolger wartet noch viel Arbeit. Ein Patientenbestellsystem, um das Patientenaufkommen etwas zu regulieren, wurde eingeführt und fand auch beim Personal vor Ort Akzeptanz.

kapverden_3Allgemein waren die Patienten sehr geduldig, unkompliziert und dankbar für unsere Arbeit. Leider konnten wir oftmals aus Zeitgründen keine Prophylaxe anbieten. Wir haben jedoch versucht bei allen Kindern Aufklärung und eine Zahnpflege mit den von uns mitgebrachten Zahnbürsten und Zahncremes durchzuführen. Die mobilen Einheiten funktionierten anfangs gut. Zum Ende der zweiten Woche traten jedoch Probleme mit den Turbinen aller verwendeten Einheiten auf, sodass wir unser Behandlungsspektrum einschränken mussten.

kapverden_4Unser letzter Tag bestand aus einem Besuch in die örtliche Grundschule. Dort erwarteten uns etwa 100 Zweitklässler. Mit Hilfe der Übesetzung von Dr. Fernandez haben wir den Kindern das Zähneputzen und die Untersuchung beim Zahnarzt demonstriert. Am Ende erhielt jeder Schüler eine Zahnbürste und Zahncreme, was bei den Kindern auf Begeisterung stieß und wir zum Dank ein Lied gesungen bekamen. Ob solche Aktionen langfristig Erfolg haben bleibt abzuwarten, insbesondere dann, wenn vor der Schule ein Süßigkeitenstand auf die Kinder wartet.

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An den Wochenenden nutzen wir die Freizeit, um den Rest der Insel Santiago zu erkunden. Vor allem ein Besuch an den Sandstränden von Tarrafal und San Francisco ist sehr zu empfehlen.

Abschließend war der Einsatz eine berufliche und persönliche Bereicherung. Der Einblick in den kapverdischen Alltag und die lokale Gesundheitsversorgung war beeindruckend, lehrreich aber teilweise auch schockierend.

In Zukunft muss vor allem die Mundgesundheits- und Ernährungsaufklärung gemeinsam mit den lokalen Verantwortlichen vorangetrieben werden, damit ein nachhaltiger Erfolg unserer Arbeit erreicht werden kann.

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