von Dr. Franz Sedlmeier (Sedlmeier.F@gmx.de)

Nach einer geführten Paddeltour in der Mongolei im Jahr 2011 hatte mich das Mongoleifieber nicht mehr losgelassen. Ich wollte dieses faszinierende Land unbedingt und baldmöglich wiedersehen, diesmal aber nicht als Tourist, sondern als Helfer auf gleicher Augenhöhe mit den Einheimischen. Das humanitäre Konzept von „Zahnärzte Ohne Grenzen“ war dafür der ideale Aufhänger.

Von der ersten telefonischen Anfrage bis zur Teilnahme war es nur ein kleiner Schritt. Was es bedeutet, auch noch zum Gruppenleiter erkoren zu werden, habe ich in der vollen Tragweite erst mit der Zeit begriffen. Da ging es um mehr, als nur vor Ort die DWLF und unsere Einsatzgruppe zu repräsentieren und fachliche Verantwortung zu übernehmen. Mir wurde schnell klar, dass ich über die Verhältnisse an unserem Einsatzort Zezerleg, dem Zentralort der Provinz Archangai, nur sehr wenig wusste.

Es sollte sich um eine Zahnstation mit 2 Behandlungseinheiten in einem Kinderkrankenhaus handeln. Nach einigen Rückfragen bei Herrn Kollegen Dr. Schlichtenhorst, der den Einsatzort schon kannte und mir eine Menge wertvoller Tipps (nochmals vielen Dank an der Stelle!) geben konnte, lichtete sich der Nebel etwas. Als blauäugiger Neuling hatte ich bei meiner Anmeldung nicht damit gerechnet, im Vorfeld des Hilfseinsatzes die Planung, Koordination, Beschaffung und Aufteilung des Verbrauchsmaterials auf die Gruppenmitglieder weitgehend alleine stemmen zu müssen. Ich lernte dabei auch sehr schnell, dass es keinen Sinn macht, ein Depot pauschal um Materialspenden für einen Hilfseinsatz anzugehen; man muss Klartext reden und konkrete Artikel ordern! Außerdem war ich erstaunt, dass die Hilfsmaterialien im Ameisentransport quasi ins Land geschmuggelt werden müssen. Da steht sich ein Land selbst im Weg!

Am 29. Juli dann ging es dann los. In Berlin Tegel durfte ich endlich die Mitglieder meiner Gruppe persönlich kennen lernen. Unsere Gruppe bestand aus Anna Schneider, einer jungen ZMA aus Eichstätt, Kim-Ha Nguyen Tien, einer jungen Kollegin aus Berlin, sowie Dr. Ulrich Düsberg, einem Un-Ruheständler aus Dortmund, sowie meiner Wenigkeit, noch aktiver Zahnarzt aus Feldkirchen bei München.

Die Spannung war riesengroß, wie sich vier Leute unterschiedlichen Alters, Geschlechts und fachlicher Schule, die sich einer gemeinsamen Sache gewidmet haben, zu einem harmonierenden und schlagkräftigen Team zusammenfügen würden. Gleich vorneweg: allein diese soziale Erfahrung war einfach großartig und die Reise wert! Wir zogen an einem Strang, es gab nie ein böses Wort, dafür aber umso mehr Spaß.

Bei strömendem Regen in Ulaan Bataar angekommen, lernten wir beim Einweisungsseminar auch unsere Dolmetscherin Lkhagvaa kennen. Sie wurde zu unserem „Schatz“, immer zur Stelle, immer freundlich, einfach wunderbar!

Als wir nach einer – für mongolische Verhältnisse sehr komfortablen – Anreise im Landcruiser am Krankenhaus in Zezerleg angekommen waren, war die Zahnstation bereits verwaist (15 Uhr). So nutzten wir die verbleibenden Stunden des Tages, um uns in eigener Regie mit unseren mitgebrachten Schätzen für den Start am nächsten Morgen einzurichten. Schnell mussten wir lernen, dass unser Tun den Regeln des Krankenhauses unterworfen war. Mehr, als die tägliche Arbeitszeit um eine Stunde (bis 17 Uhr) auszudehnen, war nicht zu machen. Zwei Sterilisationszyklen pro Tag im Krankenhaus (der mobile Steri auf der Zahnstation war durchgebrannt) und zu wenig chirurgische Instrumente (insbesondere taugliche Extraktionszangen) bedeutete, dass wir uns öfter mit Wischdesinfektion zufrieden geben mussten, als uns lieb war. Überhaupt war Improvisation groß geschrieben. Wir waren eben in der Dritten Welt!

Da gab es Widrigkeiten (z.B. Stromausfälle, diverse Leckagen), die man wie eine höhere Gewalt über sich ergehen lassen musste, aber durchaus auch vermeidbare Probleme. Es schmerzt zu sehen, dass die beiden, vor wenigen Jahren von der DWLF aufgestellten Einheiten, nicht die erforderliche regelmäßige Pflege und Wartung erfahren, sondern eher auf Verschleiß gefahren werden.

Unsere Bitte, uns mit dem angestammten Fachkräften eine halbe Stunde vor der ersten Behandlung fachlich und organisatorisch abstimmen zu dürfen, wurde von diesen schlichtweg unterlaufen. So startete das Unternehmen Zezerleg zunächst etwas holprig.

Als Neuling rechnet man einfach nicht damit, dass z.B. nur 7 Mundspiegel vorhanden sind oder dass von drei Turbinen nur eine ordnungsgemäß funktioniert. Und so dauerte es erst mal drei Tage, bis unsere Gruppe auf Tuul Sodnompils großer Rundtour an der Reihe war und wir einige Plastikmundspiegel und eine nagelneue Turbine nachgeliefert bekamen (herzlichen Dank an dieser Stelle!). Bis dahin hatten wir auch gelernt, dass man den völlig unter dimensionierten Kompressoren nur dadurch bei kommen kann, dass man nicht permanent, sondern nur „stoß weise“ absaugt, weil sonst alsbald alle Räder stillstehen. Die Verwendung der Zahnsteinmodule mussten wir weitgehend einstellen, weil diese praktisch keine Leistung brachten.

So bündelten wir unsere wertvolle Zeit lieber auf diejenigen Behandlungsarten, bei denen wir am meisten bewegen konnten: Füllungen, Extraktionen, Versiegelungen. Es war bestürzend, wie schlecht es um die Zahngesundheit schon im Kleinkindalter bestellt ist. Erstaunlich und beglückend dagegen, wie angst-frei, dankbar und geduldig die überwiegende Mehrzahl der Kinder ab drei Jahren die zahnärztliche Behandlung über sich ergehen ließ. Diese Gesichter werde ich nie vergessen!

Auf Anordnung der Klinikleitung wurden zu uns nur solche (erwachsene) Patienten vorgelassen, die einen Versicherungsnachweis vorlegen konnten. Darüber wurde vom Stammpersonal auch akribisch Buch geführt. Immerhin galten diese Restriktionen nicht für Kinder! Diese Regelung hatte nach meinen Informationen auch schon zwei Jahre zuvor zum Konflikt geführt, war aber nach einer Intervention der DWLF an höherer Stelle abgestellt worden. Der Umstand, dass sich überhaupt nichts geändert hatte, enttäuschte mich sehr, denn ich war – entsprechend dem Credo von Herrn Dr. Macher – eigentlich um die halbe Welt gereist, um den Ärmsten der Armen zu helfen!

So behandelten wir sehr viele Klinikmitarbeiter(Innen) und deren Verwandte und Bekannte, sowie die kleinstädtische Mittelschicht. Sehr viele Frauen waren westlich gestylt, von Nomadentum und nackter Armut eher wenig zu sehen. Wir verloren auch leider viel Zeit mit Hin-und-Her-Verhandlungen über die Dolmetscherin, wenn zum wiederholten Male der Anspruchshorizont der Patientin mit den realisierbaren Behandlungsmöglichkeiten kollidierte.

Auch wenn wir nicht jeden Wunsch erfüllen konnten, blieb der Andrang über die ganze Zeit riesengroß, und das bewies uns, dass unser Tun von der einheimischen Bevölkerung doch sehr geschätzt wurde. Wenn man beim abendlichen Bummel in der Stadt erkannt und freundlich gegrüßt wurde, dann war dies Motivation genug, sich am nächsten Tag wieder mit jeder Faser rein zuhängen.

So war der Einsatz in Zezerleg durchaus ambivalent. Wir erlebten viele glückliche Momente mit dankbaren Patienten, egal welchen Alters und welcher Schicht entstammend; wir wurden gut verpflegt und lebten vergleichsweise komfortabel, hatten Zugang zu Brausebad und WC, konnten frisches Obst kaufen und abends das örtliche „Nachtleben“ von Karaokebar bis Internetcafe erleben. Allerdings waren wir eben nicht wirklich „draußen“ bei den Nomaden.

Der Klinikdirektor würdigte unser Wirken, indem er uns am ersten Wochenende zu einem Ausflug an den „Weissen See“, und das Wochenende darauf zu den heißen Quellen von Tsenkher einlud, worüber wir sehr erfreut und dankbar waren. Leider (für uns – die auf Regen angewiesenen Nomaden sehen das anders!) war dieser Sommer, damit auch diese beiden Wochenenden, sehr verregnet, wodurch weder Baden, noch Angeln, noch Bootfahren möglich waren.

Als Quintessenz möchte ich feststellen, dass ich einen solchen Einsatz jedem nur anraten kann, der wieder wertschätzen möchte, auf welcher Insel der Seeligen wir hier in Deutschland leben.

Verbesserungsvorschläge:

  • Wir hätten sicherlich um Einiges effizienter arbeiten können, wenn wir im Vorfeld Genaueres über den Bestand an Kleininstrumenten gewusst hätten und diese noch gezielter hätten ergänzen können. Für eine künftige Einsatzgruppe habe ich mir Notizen gemacht, was (nach Stand August 2012) zu diesem Einsatzort mitgebracht werden müsste (Sedlmeier.F@gmx.de).
     
  • Genauso wäre eine paritätische Besetzung von Zahnärzten und ZMAs sicherlich wirkungsvoller als ein Verhältnis drei zu eins, was der DWLF Leitung ganz sicher bewusst ist. Das Problem sind natürlich die hohen Reisekosten, die eine ZMA nicht so leicht stemmen kann.
     
  • Es kann nicht sein, dass es keine passenden Absaugkanülen für das Maß der Sinoleinheiten gibt. Notfalls müssen eben einige Hundert in China bestellt werden. Natürlich kann man sich IRGENDWIE mit Speichelsaugern behelfen, aber das müsste nicht sein.

Unser besonderer Dank gilt den folgenden Spendern:

  • Bauer & Reif
  • Brasseler
  • Garlichs
  • Henry Schein
  • Novartis
  • Peppler
  • Zhermack
  • und vielen mehr
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