von Annette Kirchner-Schröder (netti065@yahoo.de)

Der diesjährige Herbsteinsatz hatte wieder einiges an Vorbereitung erfordert, wobei diese nicht unbedingt die zahnärztlichen Instrumente und Materialien betraf. Dieser Teil der Arbeit ist mittlerweile so optimiert, dass ich mit einem Blick, die zu ersetzenden Materialien erfassen kann und ein Griff in den praxiseigenen Vorratsschrank genügt.

Von meiner Reise im Frühjahr wusste ich, dass in Luncani (Romaprojekt ICAR) Kerzen für den Winter benötigt werden, da oft kein Benzingeld für den vorhandenen Generator zur Verfügung steht. Also deponierte ich einen Zettel im Warteraum meiner Praxis und informierte Freunde und Bekannte über diesen Bedarf. Ich hatte allerdings nicht mit diesem überwältigenden Ansturm gerechnet und so stapelten sich Kisten über Kisten, anfangs in der Praxis, später in den Kelleräumen unseres Hauses, noch später im eigenen Schlafzimmer, da der Stellplatz knapp wurde. Nicht nur Kerzen wurden gespendet, auch Kleider, Schuhe, Bettwäsche, Stoffe, Wolle, Spielzeug, ein Toilettenstuhl, Gehhilfen, Schmierseife und vieles mehr. Besonders freute ich mich über eine Kiste mit 120 Dynamolampen sowie Geld für das Betreiben des Generators in der Romasiedlung. Nachdem ich 2 Tage lang meinen Bus bepackt und jede noch so kleine Ritze genutzt hatte, musste ich doch einige Dinge zurücklassen, die im nächsten Jahr mitgenommen werden.

Bei meiner Fahrt wurde ich diesmal von meinem fünfzehnjährigen Sohn Lukas begleitet, was mich besonders freute, denn er kannte meine Arbeit bisher nur von Fotos. Nach einer Übernachtung am Neusiedler See kamen wir nach knapp 20 Stunden Fahrt in Luncani an. Gemeinsam mit den Bewohnern luden wir zuerst den Bus aus. Das größte Highlight war unbestritten die große Anzahl an Kerzen und die Dynamoleuchten, die am Abend ausgiebig getestet wurden.

Die Kinder freuten sich über ein Fußballtor, welches Lukas anderntags mit ihnen aufbaute. Leider wurde der mitgebrachte Ball bereits nach wenigen Stunden vom Gelände gestohlen.

Für die Zahnbehandlungen war bereits ein Raum vorbereitet worden. Der Behandlungsstuhl, der Sterilisator sowie ein Ablagetisch für die Materialien waren schon aufgebaut. Auch ein Strahler, der für eine bessere Beleuchtung sorgen sollte, war vorhanden. Am nächsten Morgen packte ich die mobile Einheit aus und ordnete die Instrumente und Materialien griffbereit an. Sandu, ein Bewohner des Hauses, half mir gewohnt gekonnt bei der Installation sämtlicher elektrischer Verbindungen und erwies sich auch im Laufe der Behandlungstage wieder als perfekte Stuhlassistenz. Meine Kollegin Claudia Eisentraut (DWLF Jena) kam mit dem Zug und wir bildeten ein Behandlungsteam. Obwohl wir uns vorher noch nie gesehen hatten, verstanden wir uns bei der Arbeit und privat von Anfang an prima. Außerdem besuchte uns meine ehemalige Schulkameradin Cornelia, eine Kinderärztin aus Berlin. Sie wollte sich gemeinsam mit ihrer Tochter (eine angehende Ergotherapeutin) vor Ort über die Möglichkeiten zur Hilfe informieren. Zusammen fuhren wir zur Siedlung ICAR, in der im Sommer 3 neue Holzhäuser errichtet worden sind. Leider sind sie aufgrund von Verzögerungen bei der Materialanlieferung nicht fertig geworden, so dass sich der Einzug der Romafamilien bis ins nächste Frühjahr verzögern wird. Es sind auch weitere Verbesserungen an der Wasserversorgung (Pumpe) und einigen Räumen im Hauptwohnhaus (Dachreparatur, Malerarbeiten) vorgenommen worden.

Was die zahnärztliche Arbeit betrifft, so konnte ich eine weitere Verbesserung der Zahngesundheit aller Bewohner (Luncani und ICAR) feststellen. Zähne putzen scheint nun ein fester Bestandteil der Körperhygiene zu sein und fast alle kamen freudig und vertrauensvoll zur Kontrolle. Füllungen und Extraktionen halten sich nun allmählich die Waage und es bleibt auch Zeit für Zahnsteinentfernungen, Fissurenversieglungen und das Füllen von Mikroläsionen. Insgesamt behandelten wir 45 Kinder und Erwachsene in 2 Tagen, wobei 44 Zähne entfernt wurden. Dagegen konnten 60 Zähne mit Füllungen versehen werden, wobei wir uns trotz fehlendem Röntgenbild 4x für eine Wurzelbehandlung entschieden. 63 Zähne wurden versiegelt und bei 22 Personen der zum Teil massive Zahnstein entfernt. Außerdem operierten wir eine Epulis, was Claudia zu dem ironischen und erheiternden Ausspruch veranlasste, dass unsere Materialsammlung ja ganz oK. wäre, ihr aber etwas ganz Entscheidendes fehlen würde, nämlich: Gewebekleber. (Für Unbedarfte auf dem Gebiet der Zahnmedizin sei erklärt, dass Gewebekleber ein sehr teures Produkt ist und auch in Deutschland keinesfalls zur Standartausrüstung unserer Praxen gehört.)Es kamen auch Leute aus anderen Romasiedlungen zur Behandlung. Bei ihnen fanden wir die gleichen verheerenden Gebisszustände wie zu Beginn unserer Arbeit hier in Luncani.

Alle Patienten verließen uns mit einer neuen Zahnbürste sowie Zahncreme und einem kleinen Geschenk (Seife, Creme, Parfüm, Spielzeug, Schmuck…)

Am 2. Behandlungstag, zum Glück gegen Abend, nachdem wir bereits den ganzen Tag über immer mal wieder mit dem bockenden Motor zu kämpfen hatten, stieg Rauch aus der Elektronik der mobilen Einheit auf, danach war Ruhe. Selbst Sandu, der so ziemlich alles repariert, konnte nicht helfen. Auch ein Besuch in einer Elektrotechnikwerkstatt im nächst größeren Ort war erfolglos, denn das erforderliche Ersatzteil war nicht vorrätig. Damit war unsere Arbeit leider vorzeitig beendet. Das Feierabendbier ließen wir uns trotzdem schmecken, denn trotz des abrupten Endes waren wir mit dem Erreichten sehr zufrieden.

Am nächsten Morgen musste Claudia schon gegen 3:00Uhr in der Frühe aufbrechen, um ihr Flugzeug nach München und weiter nach Berlin zu erreichen. Ich räumte unsere kleine Praxis auf, verstaute alles in Kisten und belud den Bus, um nach Cluj Napoca zu fahren, wo ich Anne Meurer (DWLF Heidelberg) an einem Busbahnhof treffen wollte, um mit ihr gemeinsam weiter nach Bădăcin ( Heim für geistig und körperlich beeinträchtigte Menschen) zu reisen.

Wie immer war die Freude über unser Erscheinen riesig und im Triumphzug führten uns die Bewohner zu Nanne Wienands (FH Heilpädagogik Hof), die mit 2 Schülerinnen (Franzi und Jenny) angereist war, um den Transport der Bewohner in die Praxis im Nachbarort zu übernehmen und ihnen und uns auch während der Behandlungen eine Stütze zu sein. Begleitet wurden sie von Valentina Ambros, die in schwierigeren Situationen dolmetschte. Unterkunft gewährte uns die Pfarrersfamilie in einem Apartment, direkt über der Praxis. Am nächsten Morgen ging es gegen 9:00 Uhr los, unterstützt von einem rumänischen Kollegen aus Bistritza, als Ersatz für Mariana Grinov, die bisher mit uns gearbeitet hatte und leider schwer erkrankt ist. Der junge rumänische Zahnarzt, der normalerweise in der Praxis arbeitet (diese ist komplett finanziert von der Diakonie Neuendettelsau), sah sich, selbst auf Nachfrage, nicht genötigt, uns zu helfen. Für ihn ist die Arbeit mit beeinträchtigten Menschen, zumal noch kostenlos, eher eine Last und er genoss lieber die 2 freien Tage bei hochsommerlichen Temperaturen.

So entging ihm die Aufregung, Angst und Freude, die die, im „Freiluftwartesaal“ auf der sonnigen Terrasse sitzenden Menschen erfüllte und ihre zum Teil überwältigende Dankbarkeit nach der Behandlung, ihr Stolz und ihre Euphorie. Auch hier ist eine wesentliche Verbesserung der Gebisszustände zu bemerken. Bei den 72 behandelten, zum Teil schwer beeinträchtigten Patienten, konnten wir in 2 Tagen 50 Füllungen legen und 30 Mal Zahnstein entfernen. Die Anzahl der Extraktionen lag dieses Mal bei nur 75 Zähnen, während in früheren Einsätzen meist weit über 100 Zähne der Zange zum Opfer fallen mussten. Aufgrund der schwierigen Bedingungen führten wir nur eine Wurzelbehandlung an einem oberen Schneidezahn durch, um in diesem Fall die geschlossene Zahnreihe zu erhalten. Alle unsere Patienten erhielten eine Zahnbürste und Zahncreme. Eine junge Frau, die Geburtstag hatte, bekam ein Extrageschenk und wir sangen für sie gemeinsam ein Geburtstagslied.

Am Abend des 2. Tages waren alle Patienten, die eine Behandlung brauchten oder wünschten, von uns untersucht und versorgt worden und wir waren ziemlich müde, aber froh.

Am nächsten Morgen brachte ich Anne zum Busbahnhof von Zălau, um dann weiter in die Berge zu fahren, da ich meinen Sohn vom Projekt „Tăşuleasa social“ abholen wollte, wo er einige Tage verbracht hatte.

Gemeinsam machten wir uns auf die 3-tägige Rückreise, bei der wir ein Kloster in der Bukowina besuchten, auf Schlaglochpisten den Prisloppass bei Eisregen überquerten, den Sonnenschein und die schönen Holzkirchen im lieblichen Tal der Iza genossen und uns in Satu Mare nach einem kleinen Stadtbummel eine Pizza schmecken ließen. Dann ging es über die Grenze und der Bus wurde gequält… um schnell die restlichen 1300 km hinter uns zu bringen.

Insgesamt waren wir 3873 Kilometer gefahren, unfallfrei, GOTT sei Dank!

Ich danke allen herzlich, die auf vielfältige Weise dieser Fahrt Unterstützung gegeben haben:

  • meinen Kolleginnen Anne und Claudia sowie dem rum. Kollegen Alex
  • Nanne, Franzi, Jenny, Valentina – die Organisation des Transportes und die Begleitung der Patienten war perfekt und liebevoll
  • Familie Boşca für die Unterkunft und Teilverpflegung
  • Gerhard Spitzer (Luncani) dafür, dass er uns immer an seinen Visionen teilhaben lässt und wir uns bei ihm wie zu Hause fühlen
  • Sandu für seine hervorragende Assistenz und sein gutes Auge für alle unsere Bedürfnisse
  • meinen Mitarbeiterinnen für das geduldige Sortieren und Einschweißen der Instrumente im Vorfeld und alle sonstige Unterstützung
  • der Kolpingfamilie Otterbach für die großzügige Geldspende (Generator)
  • der „Textfrauengruppe“ für die geniale Idee mit den Dynamoleuchten sowie deren Kauf
  • der Kirchengemeinde Rehau für die wiederholte Übernahme der Fahrtkosten
  • der Firma VOCO für die erneute Materialspende
  • der Firma Henry Schein für die überlassenen Materialien und Instrumente
  • der ARGE „Jugendzahnpflege“ Kaiserslautern für Bürsten und Paste
  • der Apotheke Otterbach für die überlassenen Medikamente
  • meiner Feundin Michaela für die kabellose Polymerisationslampe
  • allen Menschen, die Kerzen gesammelt und Kleider zur Verfügung gestellt haben, sowie viele andere nützliche Dinge
  • meinem Sohn Lukas für das Interesse und das schöne Beisammensein au der langen Autofahrt,
  • meiner Tochter Lisa-Maria, die das Haus hütete und die Katzen versorgte
  • meinem Mann Christian, der klaglos die Unmengen an Kisten und Säcken im Haus ertrug und mich in allem unterstützt  
  • allen Leuten, die in irgendeiner anderen Form dazu beitrugen, dass diese Fahrt erfolgreich und erfüllend war.

MULŢUMESC FRUMOS!!!

Annette Kirchner-Schröder 
Otterbach 14.10.2012

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