von Dr. Annette Kirchner-Schröder (E-Mail: netti065 [at] yahoo.de)

Einsatz vom 14.-28.10.2015

Im Sommer hatte ich bereits eine Woche in Luncani verbracht, um mit den Kindern von Icar einige Freizeitaktivitäten zu unternehmen.

So besuchten wir die Städte Cluj Napoca und Alba Iulia, gingen ins Kino, verbrachten zwei Tage in den Bergen, wo wir durch eine atemberaubende Schlucht wanderten und die Nacht im Zelt schliefen. Mit einer großen Gruppe entspannten wir in einem Schwimmbad in Turda, da das Wetter leider den Besuch des Freibades unmöglich machte. Am Abend spielten oder kochten wir gemeinsam.

Wenige Wochen später machte ich mich also erneut auf die 1500 km lange Strecke, den Bus wie immer voll beladen.

DSCF1649Die Einrichtung der Praxis ist mittlerweile Routine. Stuhl, Steri und Tische sind bereits aufgestellt und so sortiere ich meine Instrumente und Materialien nach dem gewohnten Schema, während mein Assistent Sandu sich um die Einsatzbereitschaft der mobilen Einheit und um die übrigen technischen Dinge sorgt.

Der erste Arbeitstag stand im Zeichen des halbjährlichen Recalls der Kinder und Jugendlichen der Romasiedlung von Icar, wobei es wieder eine große Freude war, den Erfolg der Arbeit in den letzten Jahren zu sehen. Von 19 Patienten musste nur bei einem ein bleibender Zahn entfernt werden und nur neun Zähne wurden konservativ versorgt, wobei es sich um kleinere Füllungen handelte. Dagegen konnten 19 Zähne versiegelt werden. Bei fast allen Patienten wurde Zahnstein entfernt und Tipps zu einer noch besseren Zahnpflege gegeben. Auch war es wichtig, einige verbliebene Milchzahnreste zu entfernen, um die korrekte Einstellung der bleibenden Zähne zu ermöglichen.

All das ging in einer entspannten fröhlichen Atmosphäre vonstatten, denn diese Patienten sind es seit sechs Jahren gewohnt, ihre Zähne kontrollieren zu lassen, was in der gesamten rumänischen Bevölkerung eher unüblich ist, unabhängig vom sozialen Status.

An den übrigen Arbeitstagen hingegen wurde ich an die Anfangssituation von 2010 erinnert. Patienten mit katastrophalen Gebissen und viel Angst!

Für die Meisten war es der erste Zahnarztbesuch ihres Lebens und umso überraschter waren sie, dass “die Spritze” nicht weh tat und während der Behandlung tatsächlich Wirkung zeigte. Wir mussten oft viel reden, bis der Eine oder Andere sich dann doch zur Behandlung entschloss. Einige Wenige suchten auch das Weite… :-)

DSCF1622Unsere neuen Patienten kamen von der Siedlung an der Müllrampe in Câmpia Turzii oder waren Schüler aus Schulen der “2. Chance”, eine Initiative für Kinder und Jugendliche, die erst spät Zugang zum Schulbesuch gefunden haben, manche erst mit 15 Jahren. Die Gründe sind unterschiedlich. Viele Eltern der Romakinder können nicht lesen und schreiben. Sie finden Schulbildung daher auch für ihre Kinder nicht wichtig oder haben allgemein kein Interesse an dem Werdegang ihrer Kinder. Diese bleiben oft sich selbst überlassen und versuchen allein, ihren Weg zu finden oder sich mit kleinen Diebstählen über Wasser zu halten.

DSCF1647Nach einigen Tagen bekam ich Unterstützung von meiner Freundin Michaela, die sich super in die Behandlungen einfühlte und auch ohne Sprachkenntnisse schnell Kontakt aufnahm.

Am Ende aller Arbeitstage hatten wir 99 Patienten versorgt, von denen ein großer Teil zur weiteren Behandlung im Frühjahr eingeladen wurde. Trotz der zum Teil ruinösen Zustände war der Füllungsanteil an den Behandlungen deutlich höher als der Anteil der Extraktionen.

DSCF1666Eine besondere Herausforderung stellte ein 18-jähriger Patient mit einer kompletten Amelogenesis imperfecta dar, der über Hypersensibilität und die Optik seiner Zähne klagte. Da Kronen aus finanziellen Gründen keine Behandlungsoption darstellen, haben wir den Versuch unternommen, zumindest in der oberen Front seine Zähne mit Kunststoff aufzubauen. Im Frühjahr werde ich sehen, ob diese Versorgung den Belastungen standhält und so eine Versorgung des Unterkiefers auf gleiche Weise sinnvoll ist.

Mein mittelfristiges Ziel ist es, auch die neuen Patientengruppen auf einen akzeptablen Zustand hinsichtlich ihrer Mundgesundheit zu bringen und regelmäßig zu betreuen.

Trotz der vielen Arbeitsstunden hatten wir noch Zeit für gemeinsame Unternehmungen. Erneut besuchten wir ein Kino und unternahmen eine 15 km lange Wanderung durch die wunderschöne Bergwelt. Jeden Abend spielten wir gemeinsam.

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Einem Geburtstagskind (13 Jahre) verschönerten wir den Tag durch einen selbst gemachten Kuchen, Kerzen, einem Lied sowie einem kleinen Geschenk! Von seiner Mutter hatte er an diesem Tag keinerlei Aufmerksamkeit erhalten. Einige Jugendliche wissen nicht einmal ihren Geburtstag auswendig. Auch einige Eltern können keine sofortige Auskunft geben, wenn man sie nach dem Alter ihrer Kinder fragt.

All diese kleinen Freuden, die wir gemeinsam erleben, helfen, dass die Kinder sich angenommen fühlen, dass sie schöne Erinnerungen in sich speichern und dass sie ihre reizarme, oft freudlose Situation für einige Stunden vergessen können.

Ich danke allen Menschen, die Anteil daran haben, dass auch dieser Einsatz sehr gelungen ist! Danke! Mulțumesc!

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