von Dr. Ernst Günter Steffens

Wer einmal in Nepal war, wird vom „Nepalvirus“ befallen, so sagt man. So geschehen bei einem Komforttrekking im Annapurnagebiet in 2008. Beeinflusst von der Schönheit der Natur, von der uns fremden Kultur und vor allem von der bescheidenen Freundlichkeit dieser armen Menschen, reifte in mir der Entschluss, hierhin noch einmal zurückzukehren um zu helfen. Denn bei dieser Trekkingtour ist mir nicht verborgen geblieben, dass in den entlegenen Bergdörfern eine medizinische bzw. zahnmedizinische Versorgung von der nepalesischen Regierung nicht sichergestellt und gewährleistet wird. Mit Beendigung meiner zahnmedizinischen Berufstätigkeit bestiegen meine Frau, als Apothekerin, und ich im November 2011 den Flieger nach Kathmandu, um in einem kleinen Gebirgsdorf, Bidur Nuwakot im Langtanggebiet, noch einmal Zahnbohrer und Zahnzangen in die Hand zu nehmen. Hilfreich stand mir meine Frau zur Seite, um mir zu assistieren und um auch eventuell auftretende pharmakologische Probleme zu lösen. Nach anstrengendem Flug gehörten natürlich die ersten drei Tage Kathmandu selbst, der Hauptstadt Nepals. 

Wir hatten das große Glück, mit einer deutsch sprechenden Einheimischen durch die Stadt zu streifen und touristisch weniger bekannte Orte aufzusuchen. Dennoch bleibt für jeden Nepalreisenden ein absolutes Muss Kathmandus Altstadt zu erkunden, wenn auch die Abgase und der Dieselgestank das Atmen erschweren. Stupas, Pagoden, Tempel und königliche Prachtbauten sowie der Besuch von Pashupatinath, der Verbrennungsstätte der Toten der Hindus am heiligen Fluss Bagmati, entschädigen für das mangelnde Sauerstoffangebot. Unsere Oase in Kathmandus totalem Verkehrschaos, das Vajra Hotel, verließen wir nach drei Tagen in Richtung Nuwakot Trishuli, unserem Einsatzort. Obwohl Nuwakot Trishuli nur 70 km von Kathmandu entfernt ist, erlebten wir eine 6- stündige Höllenfahrt mit dem Taxi durch die Ausläufer des Langtang Gebirges. Unbefestigte Strassen, steile, ungesicherte Abhänge, Erdrutsche, Schotterpisten mit kratertiefen Schlaglöchern und unübersichtlichen Kurven versetzten uns in Todesangst.

In Nuwakot Trishuli angekommen, wohnten wir im Hause von Ramesh Shrestra, der innerhalb von 10 Jahren mit Hilfe des ortsansässigen Lions Club of Nuwakot Trishuli, aus einem armseligen Zahnschuppen eine solide Zahnstation aufgebaut hat. Meine Frau und ich fanden im Hause der Familie Shrestra Unterkunft und haben uns in dem wohnlich gestalteten Gästezimmer der Familie während unseres knapp dreiwöchigen Aufenthaltes sehr wohl gefühlt. Es mangelte an nichts, die täglich warme Dusche funktionierte, und das Essen war reichhaltig und mit Liebe und Geschmack zubereitet. Nach der nicht enden wollenden Höllenfahrt nach Trishuli blieb uns keine Zeit zu verschnaufen oder gar Zeit die Koffer auszupacken. In der Zahnstation, die sich oberhalb vom eigentlichen Kernort Trishuli befindet, wurden meine Frau und ich kurz dem anwesenden Personal als“ the german doctors“ vorgestellt.

Arun, ein nepalesischer Zahnarzthelfer (dental assistent) der Behandlungen durchführt, wenn keine internationalen Zahnärzte vor Ort sind, und die Stuhlassistentin Bagwati sind ein eingespieltes Team. Beide haben ihr Handwerk von anwesenden deutschen Kolleginnen und Kollegen gelernt, was beide selbst bestätigten. Ich war erstaunt, dass konservierende, prophylaktische, endodontische Behandlungen, ja sogar kleinere prothetische und kieferorthopädische Leistungen angeboten und grundsolide erbracht wurden. Auf Grund dieser Tatsache halte ich es für diese Zahnstation nicht mehr erforderlich, deutsche Kolleginnen oder Kollegen am Behandlungsstuhl arbeiten zu lassen. Nach unserer kurzen gegenseitigen Vorstellung verließ Arun allerdings die Zahnstation zu einer vierzehntägigen Auszeit, ich musste folglich den Sprung ins kalte Wasser tuen. Die am häufigsten durchgeführten Therapien waren in der Regel Füllungen und Extraktionen. Chirurgische Eingriffe durchzuführen waren nicht selten ein Ritt auf der Rasierklinge. Neben mangelndem chirurgischen Instrumentarium und der Forderung nach Hygiene und Sterilität, war nie abzusehen, wann im Ort der Strom ausfiel oder ein Behandlungsgerät versagte, was nicht selten während des Eingriffs passierte. Die Zahnstation war täglich in der Zeit von 10 Uhr bis 15 Uhr besetzt, in der in der Regel nicht selten 15 bis 20 Patienten zu behandeln waren.

Patienten über 60 Jahre wurden kostenlos behandelt, alle anderen bezahlten für die Zahnextraktion 1 Euro und für die Füllung 2 Euros wobei meistens aus sozialen Gründen dem Patienten viel weniger abverlangt wurde. Diese Praxiseinnahmen werden zur Anschaffung neuer Materialien eingesetzt sowie zur Gehaltzahlung der beiden Praxismitarbeiter.

Während unseres Aufenthaltes konnte ich beobachten, dass sich das Bewusstsein der Zahngesundheit innerhalb der Generationen in Nepal geändert hat. Während bei den älteren Menschen durchweg Zahnextraktionen durchzuführen waren, überwog doch meist bei der jüngeren Generation die Zahnerhaltung. In unseren Reisekoffern hatten wir tausend Zahnbürsten eingepackt, die wir an Kinder und Jugendliche verschenkten. In der benachbarten Schule erklärte meine Frau den Schülern den Wert der Prophylaxe und anhand von Anschauungsmaterialien Ursachen und Folgen von Zahnerkrankungen.

In dieser Zeit lernten wir von Bagwati, der Stuhlassistenz, einige nepalesische Vokabeln, um uns etwas zu verständigen.

Das größte Erlebnis während unserer zahnärztlichen Tätigkeit in Trishuli war die Behandlung der Patienten in einem kleinen Bergdorf, fern von jeder medizinischen bzw. zahnmedizinischen Versorgung. Das komplette zahnärztliche Instrumentarium wurde aus der Zahnstation in Koffer verpackt, ein klappriger, müllreifer Behandlungsstuhl wurde mit in den Kleinwagen gepfercht und fünf Personen versuchten in halsbrecherischer Fahrt unbeschadet ihr Ziel zu erreichen. Die wartenden Dorfbewohner begrüßten uns überschwänglich mit Blumenketten, mit Früchten und Musik. Ein dunkler, karger Schulraum wurde als Behandlungszimmer umfunktioniert, indem die Instrumente auf nackte Schulbänke ausgebreitet wurden. Mittlerweile wartete schon eine geduldige Schlange von Patienten auf ihre Behandlung. Ich habe an diesem Tag bei ca.152 Patienten mengenweise Zähne entfernt, wobei mir die Kopflampe gute Dienste erwies. Die Patienten kommen aus ihren Bergdörfern nach langen Tagesmärschen zu diesen dental outdoor camps . Sie haben wochenlang Zahnschmerzen aushalten müssen und wollen nun endlich diese Zähne los werden. Die hygienischen Verhältnisse waren vollkommen unzureichend. Gespuckt wurde in große Pappkartons, Aufbisstupfer wurden aus Watte gedreht und die benutzten Extraktionszangen waren nach flüchtiger Reinigung im Wasserbad wieder einsatzbereit.

Eine wohltuende Erfahrung machten wir, Menschen zu erleben, die dankbar waren, geduldig auf ihre Behandlung warteten und uns mit großem Interesse bei der Arbeit zuschauten.

Kinder beeindruckten uns sehr; sie waren tapfer, jammerten nicht und verließen meist lachend den klapprigen Behandlungsstuhl. Wenn ich die drei Wochen meiner Tätigkeit als „german doctor“ in der Zahnstation Trishuli zusammenfasse, bin ich der Meinung, dass aufgrund des Zuschauens und der gesammelten Erfahrung durch deutsche Zahnärzte, das Team Arun als „little doctor“ und Bagwati als Stuhlassistenz sich eine solide, basisorientierte, dentistische Grundkenntnis angeeignet haben, die sie auch umzusetzen wissen. Hier kann der deutsche Zahnarzt eher beraten und die Behandlung begleiten, als selbst zu behandeln. Weiter macht es keinen Sinn, Materialien hierhin mitzubringen, die jeder neu ankommende Kollege in seiner eigenen Praxis in Deutschland gewohnt ist einzusetzen. Diese Zahnstation in Trishuli ist relativ gut ausgerüstet. Gut einsetzbar wäre ein Anatomieatlas, um Arun topographische Gegebenheiten am Kopf des Menschen klar zu machen.

Das Ergebnis ist: es häufen sich so viele wertvolle Materialien an, die für das einheimische Team nicht bekannt sind, die daher auch nicht eingesetzt werden und folglich und letztendlich unbrauchbar sind und in irgendwelchen Schränken verschwinden, verstauben und verfallen. Für die Betreuung der Zahnstation Trishuli wäre es die wichtigste Aufgabe, meiner Meinung nach, das einheimische Praxisteam immer wieder in die selbstverständlichsten, hygienischen Maßnahmen einzuweisen. Deutsche Kollegen sollten vor allem darauf achten, dass z.B. die zur Hälfte verbrauchten Anästhesiekarpulen nicht für den nächsten Patienten verbraucht werden, dass chirurgische Instrumente nicht mit dem gleichen Wischtuch gesäubert werden, womit das Speibecken gesäubert wurde und dass das Bodenwischtuch nicht dazu dient, auch noch die Ablageflächen der Behandlungsschränke zu säubern. Da die Zahnstation über einen Sterilisator verfügt, sollten alle chirurgischen Instrumente nach Benutzung sterilisiert werden. Und zu guter Letzt sollte darauf geachtet werden, dass der Praxismüll nach getaner Arbeit nicht an der gegenüberliegenden Mauer der Zahnstation verbrannt wird. Kontrolle von Sauberkeit und Hygiene, der Schutz vor Infektionen von Praxispersonal, Behandler und Patienten, sollten die vornehmlichste Aufgaben eines jeden Kollegen sein, der sich in die Zahnstation Trishuli einbringen möchte.

Meine Vorstellung für die „dental outdoor camps“, die von Ramesh Shrestra organisiert werden, wäre es, eine mobile Behandlungseinheit in Form eines Dentomobils anzuschaffen. Die Besuche in den entlegenen Bergdörfern Nepals könnten öfters stattfinden, man müsste nicht mehr die stationäre Praxis komplett ausräumen und die Versorgung der Patienten in den Bergdörfern könnte häufiger durchgeführt werden. Hier wäre der Einsatz einer deutschen Zahnärztin bzw. Zahnarztes angebracht und nützlich, während Arun, der dental assistent, in der Zahnstation Trishuli weiter die ortsansässigen Patienten behandeln könnte.

Ich muss sagen, wer sich für einen zahnärztlichen Einsatz in Nepal entscheiden kann, wird belohnt. Für meine Frau und mich war der Einsatz in Nepal aus vielerlei Hinsicht eine große Erfahrung. Wir haben viel, viel mehr bekommen als wir geben konnten. Ein Land, das uns begeisterte und überrascht hat, unseren Horizont erweitert hat und uns mit vielen dankbaren und interessanten Menschen zusammengebracht hat, wovon einige Freunde geworden sind.

Dr. Ernst Günter Steffens
Bonnerstrasse 1
53919 Weilerswist
Tel. 02254 2202

Print Friendly, PDF & Email