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Internationaler Nürnberger Menschenrechtspreis 1997
Dankesrede von Abe J. Nathan – 20.11.1997

“Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, 

ich möchte Ihnen gerne zu gestern abend, als Sie nicht anwesend sein konnten, ein paar Worte sagen. Ich war ziemlich aufgeregt, denn ich war bisher selten in Deutschland gewesen. Gestern abend hat die Bürgermeisterin zu uns gesprochen, und ich konnte nicht umhin zu fühlen, daß sie (etwas) sagt, was viele Deutsche denken. Für mich war dies die Stimme einer echten Deutschen. Darin war so viel Hoffnung, da war soviel, bei dem Deutschland eine Rolle spielen kann, soviel, das man an andere Länder weitergeben kann, soviel, das andere Länder von Deutschland lernen können. Mit diesen Worten wollte sie sicherstellen, daß ich künftig sehr häufig nach Deutschland komme, denn die ganze Welt sieht nach Deutschland und darauf, was Deutschland oder auch diese Stadt für den Frieden und die Menschenrechte tun können, und ich glaube, daß ich einen sehr guten Eindruck davon bekommen habe. Danke noch einmal für Ihre gestrigen Worte.

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, sehr verehrte Gäste,

es ist eine sehr große Ehre für mich, hier zu sein. Ich bin nicht daran gewöhnt, so einen Preis zu bekommen, vor so vielen Leuten zu sprechen, die sich weltweit engagieren. Bevor ich hier auf die Bühne gekommen bin, haben alle meine Freunde zu mir gesagt, rede nicht soviel, achte darauf, daß deine Krawatte richtig sitzt, daß die Jacke richtig sitzt und sprich nicht länger als 12 Minuten! Wissen Sie, ich habe in den letzten 30 Jahren in so vielen Hörsälen an Universitäten gesprochen, habe Vorlesungen gehalten, aber bei einem solchen Publikum – das sind wunderbare Leute, die hier vor mir sitzen – da könnte ich ewig sprechen. Ich glaube, das sind Menschen, die die gleichen Anliegen haben wie Chammari und ich. Eigentlich möchte ich mit meiner Rede aber an die Menschen appellieren, die heute nicht anwesend sind, ihnen einige wenige Worte sagen.

Vor einigen Jahren war ich in Ruanda und habe mich dort umgesehen. Ich bin dort unter Millionen von Leichnamen umher gelaufen, deren Köpfe abgeschnitten waren, deren Hände herumlagen, Leichen von einer halben Million Menschen, Männer, Frauen und Kinder. Ich hatte ein Desinfektionsmittel dabei, in meinem Rucksack auf dem Rücken, und ich habe dann Desinfektionsmittel über diese Leichname gesprüht. Es gab Schwärme von Insekten und diesen Gestank, der überall war! Das ist etwas, das ich nie vergessen habe! Ich habe so viel Desinfektionsmittel versprüht, einen ganzen Tag lang! Damals haben wir auf die Kanadier gewartet, denen wir alle diese Leichen zeigen wollten und die auch diese Leichname abtransportieren sollten.

Dann möchte ich noch über etwas anderes sprechen. Ich war vor kurzem zu einem Cocktail- abend in einer Botschaft in Israel eingeladen. Hier habe ich einen sehr eleganten Afrikaner gesehen in einem Anzug, der bestimmt 1.000 $ wert war. Er trank einen ‘Scotch on the rocks’ und hat mich aufgefordert: „Kommen Sie, trinken Sie mit mir!“ Ich fragte ihn: ,„Wo kommen Sie her?“ und er sagte „aus Ruanda“. Dann fragte er: „Wer sind Sie?“ und da habe ich gesagt: “Wissen Sie, Sie wissen zwar jetzt noch nicht, wer ich bin; heute wissen Sie es nicht, aber morgen werden Sie es wissen. Denn morgen werde ich auf die Straße gehen und protestieren, denn ich werde dafür sorgen, daß – wenn irgend möglich – Sie Ihr Land verlassen müssen!“

Es gibt viele Völker und Personen in der Welt, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben! Ich bin zwar jetzt auf so vielen Cocktailparties, treffe dort Menschen. Aber ich glaube, wir müssen aktiv werden, um diesen Völkern zu helfen! Wir können nicht rücksichtslos Völker auslöschen, das darf einfach nicht toleriert werden! Ich hoffe, daß es eines Tages viel mehr Städte wie Nürnberg in diesem Land geben wird, mit Menschen, die ihre Augen offen halten für die Leute, die töten wollen. Menschen, die dazu beitragen werden zu verhindern, daß andere so etwas ausführen können. Ich glaube, die Tatsache, daß Sie hier sind, wird ein Symbol sein; es bedeutet, daß man etwas tun kann. Wir müssen dies sicherstellen. Diese Menschen in Ruanda hatten auch das Recht zu überleben, sie sind Teil des Universums wie wir; alle sind Menschen! Und wir sind auch dafür verantwortlich, daß es diesen Personen gut geht. Es gibt dieses Universum überall auf dieser Welt und ich glaube, wir müssen eine Warnung aussprechen an alle die, die töten wollen. Wir müssen jeden verfolgen, der das zu zerstören versucht, von dem wir hoffen, daß es auf diesem Planeten existieren soll.

Ich bin heute behindert, die Hälfte meines Körpers ist gelähmt. Ich kann aber noch die andere Hälfte bewegen. Ich kann Ihnen sagen, das ist kein Grund, daß ich aufhöre mit meinen Bemühungen. Ich verfolge Nachrichten im Fernsehen, und ich sehe die Notlage und das Elend – das vieler Menschen. Als ich im Krankenhaus war, habe ich meinen Agenten im Reisebüro angerufen, denn ich wollte am liebsten gleich nach Sofia in Bulgarien fahren. Am nächsten Tag kam ich aus dem Krankenhaus, bin dann aber sofort nach Belgrad gefahren, also nach Jugoslawien. Als ich dort ankam, war mir sofort klar, daß die Bevölkerung hier in den letzten fünf Jahren kein Brot zu essen gehabt hat, denn alle Bäckereien waren leergekauft. Also habe ich versucht, in den folgenden 24 Stunden 30.000 Laibe Brot zu beschaffen und an all die Bäckereien zu geben. Man hat aus Zagreb sogar fünf Lkws geschickt. Mit diesen fünf Lkws sind die 30.000 Laibe Brot herantransportiert worden. Sie sind unter den Flüchtlingen verteilt worden. Zu manchen dieser Menschen habe ich gesagt, „Nehmen Sie sich zwei oder drei, wir wollen sicherstellen, daß keiner dieser Brotlaibe kaputt geht, denn Sie erhalten jetzt das erste Brot seit vielen Wochen“. Ich kann einfach nicht sehen, daß etwas falsch daran ist, so zu handeln! Oft genug versuche ich, irgendwo hinzugehen, um die Not zu lindern. Wenn man Probleme mit seinem Nachbarn hat, muß man einen Weg finden, sie unter sich zu lösen. Und das habe ich eigentlich in den letzten 30 Jahren in der ganzen Welt gemacht.

Ich habe einen sehr starken Glauben an das, was ich tue. Ich glaube, niemand kann sich die Freude vorstellen, die ich empfunden habe, als ich Lutscher an Kinder verschenkte, so wie an die 500 Kinder in Biafra. Als sie diese Lutscher gesehen haben, war das einfach das beste Heilmittel, das ich ihnen geben konnte.

Ich habe auch sehr viele Erinnerungen an das, was in Botsuana passiert ist. Man muß nur die Hand ausstrecken, den Menschen die Hand reichen. Man muß, wenn man helfen will, den Menschen entgegenkommen und seine Hand ausstrecken. Und dafür habe ich diesen Preis heute bekommen.

Ich war gespannt, wie meine Reiseagentur es lösen würde, denn ich wollte einen speziellen LKW, der mich zum Flughafen bringt. Es gab 40.000 Behinderte, die zum Flughafen wollten, aber nur ein Fahrzeug, nur einen Transporter! Dieses eine Fahrzeug wurde dazu verwandt, sowohl die Alten zu befördern, als auch die Behinderten zu transportieren. Darüber will ich noch mit unserem Finanzminister sprechen, doch vor diesem Treffen werde ich nach Nürnberg fahren, um diesen Preis zu bekommen. Ich möchte, daß Sie stolz sind! Denn diesen Preis, dieses Preisgeld, werde ich zum Kauf eines Transportfahrzeugs für Behinderte spenden. In Israel gibt es eine führende Zeitung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, für verschiedene Aktivitäten als Sponsor aufzutreten. Sie werden dieses Fahrzeug bis nach Tel Aviv fahren. Vieles läßt sich realisieren, schon Kleinigkeiten können helfen. Mein Problem ist, wann immer ich jemanden auf Unterstützung anspreche, fragt man mich, wieviel das Ganze kostet und dann fange ich an, um Hilfe zu bitten. Oft war es anfangs schwierig, Hilfe zu bekommen, aber am Schluß war es niemals schwierig, jemanden davon zu überzeugen, Hilfe zu leisten. Und ich denke, daß ich in den letzten 30 Jahren viel für verschiedene karitative Einrichtungen getan habe, für Einrichtungen in Somalia und in anderen Ländern Afrikas, auch in Südafrika.

Es gibt viele Leute, über die nie in der Zeitung geschrieben wird. Sie stehen nie auf der ersten Seite, einfach deswegen, weil es nicht besonders aufregend ist, wenn man sich zusammensetzt und leise im Verborgenen hilft. Es wird auch nichts veröffentlicht über Menschen, die wie in Ägypten Kämpfe auf diplomatischer Ebene führen, nichts über Menschen, die Gespräche führen mit Leuten wie Arafat, um am Schluß etwas zu erreichen, das andern Menschen wieder Hoffnung gibt.

Sie werden auch in der nächsten Zukunft sehr viele Meinungen und Ansichten über den Nahen Osten hören, denn ich glaube, wir sind hier in einer sehr schwierigen Situation. Schwierig für die Palästinenser, schwierig für uns Israelis, und es besteht die Gefahr, daß der Friedensprozeß schiefgeht (mißlingt, kippt), das wäre ein Desaster. Dann werden die Menschen weiter kämpfen, sie werden sich umbringen, sich massakrieren. Alles sind unschuldige Menschen, und sie werden immer mehr Zivilisten töten. Es muß einen anderen Weg geben, eine andere Möglichkeit. Wir müssen miteinander sprechen! Als ich Arafat getroffen habe, habe ich gesagt, wir müssen aufeinander zugehen, wir müssen uns einigen; Sie sind Palästinenser, ich Israeli. Ich glaube, wir müssen teilen und dabei gemeinsam vorgehen. Natürlich gibt es bei Hamas Vorschriften und Regeln. Aber man muß sich um die Kinder kümmern. Man muß miteinander sprechen, sprechen beispielsweise über einen neuen Staat. Ich habe mit den Leuten von Hamas gesprochen und ich weiß, daß diese mit Arafat zusammenarbeiten, und sie alle haben mit einer Stimme gesprochen. Um so mehr wir ihnen helfen, um so mehr werden wir auch anderen Ländern helfen können. Wir leben in Nachbarschaft, die eine sehr gute Nachbarschaft war, jedoch gab es ein paar Unruhestifter. Früher hat man hat sich gegenseitig geholfen, sprich, man konnte eine Krise bewältigen. Wenn es Menschen gibt, die neben uns leben, muß sichergestellt sein, daß unsere Nachbarn genau wie wir in Sicherheit leben können. Ich kann Ihnen versichern, ich glaube daran, daß, wenn es zwei Völker gibt, die in Frieden miteinander leben werden, dann sind das die Israelis und die Palästinenser. Wir kennen uns, wir wissen, wie wir miteinander umgehen müssen. Wir haben miteinander Handel getrieben. Wenn wir zusammenarbeiten, werden wir in dieser Welt im Nahen Osten Frieden finden. Die Araber hatten hohe Posten inne, die jüdischen Politiker haben hohe Posten eingenommen. Ich glaube, viele Menschen erinnern sich noch an die Tage, an denen wir friedlich zusammengelebt haben. Grundsätzlich können wir zusammen leben, wir können unsere Gesetze ändern, wir können uns gegenseitig Rat geben, wir können uns treffen, um miteinander zu sprechen. 

Sehen Sie, wir hatten ein Gesetz in Israel, das besagte, daß man mit Leuten aus Arabien nicht sprechen durfte. Aber was soll ich machen, ich will mit arabischen Freunden sprechen ! Wenn man aber mit Palästinensern und Arabern spricht, kommt man ins Gefängnis. Und ich darf sagen, Arafat hat wirklich meine Beharrlichkeit geschätzt. Als ich von Arafat zurückkam, wurde ich ins Gefängnis geworfen. Ich habe trotzdem versucht, in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Und ich habe meinen Freunden versprochen, sobald ich das Gefängnis verlasse, werde ich mich sofort wieder auf den Weg machen. Ich werde Telegramme verschicken, ich werde mich an den Papst wenden und an viele weitere Personen und Ihnen sagen, daß ich im Gefängnis war; alle diese Leute werden sich dann dagegen wehren, daß ich dort war. Leider war es so, daß ich dafür, daß ich diese Aktion ausführte, wieder ins Gefängnis kam. Wissen Sie, ich bin da mit sechs Mördern im Gefängnis gesessen und das mehrere Monate. Dies war eine sehr schmerzliche, sehr schwierige Periode; ich konnte nichts tun. Man versucht zu helfen, aber da gibt es diese Gesetze! Nun gut, heute hat man diese Gesetze geändert; über das Parlament kann man Gesetze ändern. Und dann hieß es, man darf nicht mehr mit Arafat sprechen, aber ich habe es dennoch gemacht.

Aber es tut mir leid, daß ich ein Jahr im Gefängnis verbringen mußte, dadurch ein Jahr meines Lebens verloren habe, ein Jahr, in dem ich noch mehr hätte bewegen können. Ich glaube, wenn man diesen Dialog weiterführt, dann wird es zu einer Festigung der Situation in unserem Land kommen. Wir brauchen Hilfe von Ihnen, Hilfe von den Völkern in Europa und in Amerika. Ich glaube, wenn Sie uns helfen, uns zu treffen, werden wir Erfolg haben. Natürlich – wir sind sehr sture Leute, sowohl die Araber als auch die Juden. Beides sind sehr sture Völker. Aber sie können noch so stur sein, wenn wir vernünftig werden, könnten wir doch einfach einen Friedensvertrag schließen und dann am selben Abend gemeinsam ein Fest feiern. Aber es ist nicht ganz so einfach in der arabischen Welt, denn es gibt viele Familien, die schon lange miteinander befreundet waren, und es war schwierig, wieder eine Basis zu finden, wo wir uns erneut begegnen können. Wenn uns dies gelingt, dann wird dieses Gebiet um die Region, wo Mohammed und Jesus von Frieden gesprochen haben, auch Frieden finden. Aber jetzt gibt es soviel Tod, soviel Frustration. Es darf nicht sein, daß hier die Hoffnung aufgegeben wird. Wir müssen miteinander sprechen, denn es gibt nichts, was diesen Prozeß ersetzen kann.

Ich bin mit dem Flugzeug nach Ägypten geflogen und habe gesagt, wir müssen miteinander sprechen. Nur wenn wir miteinander sprechen, wird es Frieden geben. Dann bin ich nach Israel zurück und habe dort dasselbe gesagt. Dann hat Arafat die Hand ausgestreckt. Premierminister Begin hat nach meiner Rückkehr ebenso meine Hand ergriffen. Und dann waren wir in der Lage, über Frieden zu sprechen. Mit der PLO und Arafat haben wir gesprochen. Wie gesagt, wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Es gibt einen Nachbarn und man kann nicht einfach sagen, ich bin stärker, und der andere ist schwächer. Das soll man nicht sagen. Denn wenn jemand stark ist, ist er mehr oder weniger unabhängig. Man kann dann zwar überleben, aber es ist wesentlich wichtiger, daß wir in dieser Region zusammenleben, miteinander leben. Wir dürfen die Hoffnung einfach nicht aufgeben. Wir müssen zusammenleben, wir können zusammenleben, und wir brauchen natürlich Ihre Hilfe dazu. 

Was ich sagen wollte, ist, ich glaube, Sie sind wunderbare Leute! Die Tatsache, daß Sie hier sind, bedeutet, daß Sie sich Sorgen machen, sich um Menschenrechte kümmern und, – wenn wir in einer solchen Welt leben würden, dann würden wir unseren Planeten den Planet Frieden nennen können! Wir haben das Potential, dies zu machen und gerade in diesem Land. Ich muß Ihnen sagen, ich werde alle meine Ansichten über Deutschland revidieren. Ich habe eine neue Stimme gehört, und ich glaube, daß auch die Deutschen – vielleicht mehr als andere – einen Beitrag für den Frieden leisten können, für die Dritte Welt, bestimmt!

Anmerkung: Für die Rede von Herrn Nathan gab es kein Manuskript. Herr Nathan hat frei gesprochen. Dieses Skript beruht auf der Aufzeichnung der Fernseh-Liveübertragung.”

Nürnberg. 20.11.1997

DWLF-Vorbilder: Einweihung des Privatweges “Abie-Nathan-Weg”

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