von Dr. Ivo Pfütz

Warum gerade die Mongolei und warum verbringe ich meinen Urlaub mit “Zahnärzte ohne Grenzen”, habe ich nichts Besseres zu tun? Fragen, die zu beantworten mir selber schwer fallen und die ich auch nur bruchstückhaft emotionslos beantworten kann. Aber manchmal muss man eben etwas nicht beantworten können, sondern muss einfach nur handeln.

Und so handelte ich mit vielen anderen zahnärztlich tätigen Kolleginnen und Kollegen, um mich in einem Flugzeug der mongolischen Fluggesellschaft “Miat” wiederzufinden mit dem Ziel Ulaan Baatar, der Hauptstadt der Mongolei. Im Gepäck viele Materialien, die wir von mehreren Firmen und auch über Spenden von Patienten erhalten hatten . Mehrfach hatte ich die Koffer ein- und wieder ausgepackt, denn trotz der erlaubten zusätzlichen 10 kg Übergepäck hatte ich grenzenlos zu viel Übergewicht.

Nach rund 8000 km und 8 Stunden Flug angekommen wurde unsere Gruppe, bestehend aus Herrn Dr. Frank Neuber, Frau Dr. Birgit de Theillez, ihrer zahnmedizinischen Fachangestellten Frau Karina Bether und mir, mit den anderen Teilnehmern in einem Hotel gesammelt. Der Jetlag machte sich bemerkbar und das Hotelbett lud zum Schlafen ein, doch nach 30 min Schlaf wurde unser Gruppe jäh geweckt, in ein Auto gepackt und wieder zum Flugplatz gefahren, denn in einem Flugzeug der Mongolian-Airline war überraschend für unsere Vierergruppe ein Platz frei und so ging es noch einmal ca. 700 km und 2,5 Stunden weiter nach Bayankhongor. Hier warteten schon zwei Geländewagen auf uns, die uns ca. 80 km weiter mit unserem Gepäck nach Galuut, unserer ersten mobilen Station brachten. Durch die vielen Regenfälle waren die Flüsse angestiegen, doch allen Widrigkeiten zum Trotz brachten uns die mongolischen Fahrer über Stock und Stein sowie durch tiefe Flüsse sicher an unser Ziel.

In Galuut angekommen luden wir die Autos aus und bauten bis in die frühen Morgenstunden unser Behandlungszimmer auf, d.h. die drei Behandlungsstühle, mussten zusammengeschraubt , die zwei transportablen Behandlungseinheiten aufgebaut, die mitgebrachten Materialien von uns allen sortiert und zurechtgelegt werden. Doch trotz intensiven Suchens fehlten die Extraktionszangen. Durch den überraschenden Aufbruch in Ulaanbaatar wurde leider vergessen uns diese mitzugeben und wegen des Übergewichts im Gepäck hatten wir alle die Zangen zu Hause gelassen. Somit hatten wir nur Hebel, und dies für die weiteren fast vier Tage. Schon am ersten Morgen stand eine große Zahl von Patienten vor der Behandlungstür. Sie hatten teilweise einen weiten Weg von bis zu drei Stunden auf sich genommen und wollten daher natürlich so viel wie möglich behandeln lassen. Nicht selten wurden bei einem Patienten bis zu 6 Zähne extrahiert und gleichzeitig mehrere Zähne konservierend versorgt. Egal welche Einstellung der geneigte Leser dieses Berichtes zu dem Material Amalgam hat, so wird doch jede zahnärztlich tätige Person mir zustimmen, dass Amalgam sich bei sehr unwidrigen Verhältnissen am unproblematischsten in eine Kavität applizieren lässt, doch leider ist der Einsatz von Amalgam in der Mongolei nicht erlaubt. Somit fanden nur die hochsensiblen Materialien Composite und Compomer ihren Einsatz.

Unser Arbeitstag in Galuut und in Erdenetsogt ging von 9:00 bis 13.00 und 14:00 bis 18:00 Uhr. Doch nicht selten standen um 18:00 Uhr noch so viele Patienten vor der Tür, dass wir bis 20:00 Uhr weiterbehandelten. Die Mittagspause verbrachten wir mit der Sterilisation der Instrumente und sehr, sehr häufig mit der Reparatur der chinesischen portablen Behandlungseinheiten, die dem Arbeitsansturm nicht gewachsen waren. In der zweiten Woche kam noch hinzu, dass durch die starken Regenfälle mit einhergehenden übertretenden Flüssen, mehrere Strommasten umgefallen waren und dadurch das Stromnetz nicht funktionierte. Somit bekamen wir unseren Strom von einem Kompressor, den wir zu unserem Gepäck zählten. Da aber auch die Tankstelle zum Pumpen von Benzin Strom benötigte, gab es keinen Treibstoff. Benzin wurde daher den Autotanks abgezapft. Leider hatte der Kompressor aber entweder nur genügend Leistung für die Behandlungseinheiten oder für den Sterilisator. Somit konnten wir hier ausschließlich nur in der Mittagspause sterilisieren. Auch musste der europäische Stecker des Verlängerungskabels der Steckdose des chinesischen Kompressors durch tatkräftigen Umbau kompatibel gemacht werden. So manches “Geräte-Problem” musste im Team, aber auch unter der Mithilfe der Mongolen gemeinsam gelöst werden. Somit war das Miteinander im Team und mit den Mongolen als Patienten und als Dorfbewohner freundschaftlich, ja sogar fast kameradschaftlich.

So wurden wir in Galuut wie auch in Erdenetsogt von einer mongolischen Köchin herzlich versorgt, von dem Krankenhauspersonal wurde uns des Öfteren unsere Behandlungskleidung gewaschen und in Galuut wurden wir auch zweimal zu einem nahegelegenem Fluss zum „Baden“ gefahren und dies in den Bergen in einer Höhe von ca. 2000m. Den Kopf hier unter Wasser zu halten bedeutete zunächst Überwindung und dann das Gefühl, dass einem das Gehirn auf Erbsengröße schrumpfen
würde. Aber danach fühlte man sich frisch und erholt. Nach der ersten Woche ging es ca. 100 km weiter über Feldwege nach Erdenetsogt. Alle Materialien wurden wieder eingepackt, alle mobilen Behandlungsstühle und Einheiten wieder ordentlich in Kisten untergebracht und alles in einem Geländewagen verstaut. So behandelten wir in 2 Wochen trotz Stromausfall, zahlreichen Gerätereparaturen und anfangs fehlenden Zangen 489 Patienten mit 374 Füllungen und 572 extrahierten Zähnen.

Zuhause angekommen wurde und werde ich oft gefragt, ob ich einen solchen Einsatz wiederholen würde. Dies kann ich eindeutig bejahen. Ich selber würde diese drei Wochen als ein “win-win-Erlebnis” ansehen, denn obwohl es sicherlich nur einen Tropfen auf den heißen Stein war, so hatten sicherlich die mongolischen Patienten etwas davon, aber auch ich hatte sehr viel von dieser Zeit. So waren die Erlebnisse so beeindruckend und die Einblicke in das Leben eines anderen Landes so mannigfaltig, wie ich es vorher nie erlebt hatte. Dieser Einsatz in der Mongolei hatte bei mir so viel positive Erfahrungen und Eindrücke hinterlassen, dass die nächste zahnärztliche Mitarbeit mit “Zahnärzte ohne Grenzen” für 2013 schon in direkter Vorbereitung ist. Ich werde voraussichtlich mit meinem Sohn an einer Trekking-Out camp-Tour im Nepal teilnehmen.

Mein besonderer Dank gilt unserem mongolischen Übersetzer „Tugs“ sowie den Firmen:

  • Dension
  • Medi-Service
  • Sepotodent
  • Sanofi-Aventis
  • Pluradent
  • Henry Schein

Und meiner Familien, die auf ihren Urlaub mit mir verzichtet hat.

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