von Dr. Heike Reetz (E-Mail: dr.heike_reetz [at] t-online-de)

Der dritte Arbeitseinsatz mit und über DWLF – das erste Mal in der Mongolei

Reetz Mongolei14-1aNach den Einsätzen in Nepal 2007 und 2010 war es mal wieder an der Zeit, nicht nur die Werbetrommel für DWLF zu rühren und Interessenten über diese Arbeit zu informieren, sondern auch wieder selbst vor Ort tätig zu sein. Meinen Mann (Benno Reetz, das 2. Mal dabei) und eine Kollegin aus unserer Akupunkturgruppe (Dr. Silke Zech, erstmalig dabei) konnte ich relativ schnell überzeugen, sich für den ausgeschriebenen diesjährigen Einsatz für die Mongolei bei DWLF anzumelden. In diesem Jahr sollten es 56 Kollegen und Kolleginnen sowie ZMF`s und andere Helfer und Helferinnen in 14 Gruppen sein, die eine zahnärztliche Betreuung in den Weiten der Mongolei durchführen sollten und wollten. Jede Gruppe setzte sich aus 4 Personen zusammen, so dass sich unser Team noch durch einen jüngeren Kollegen (Torsten Penz, erstmalig dabei) verstärkte.

Im Vorfeld der Reise gab es natürlich noch viel zu organisieren, obwohl die Hauptarbeit durch Tuul und Claus Macher bereits erfolgt war. Dank der vielen guten Tipps der Kollegen und Kolleginnen aus den vergangenen Jahren konnten wir uns gut auf die dortige Arbeit vorbereiten. Jeder aus unserem Team hat Arbeitsmittel, Instrumente, Zahnbürsten, Zahnpasten, Werbegeschenke, kleine Spielsachen etc. zum großen Teil auf eigene Kosten mitgebracht. Die Fluggesellschaft MIAT hatte uns jeden 10 kg Übergepäck gewährleistet, die wir auch jeder dafür voll ausschöpften. DWLF hatte vor Reiseantritt einen Container organisiert, in dem wir viele Arbeitsmittel, wie Handschuh, Mundschutz, Desinfektionsmittel (leider z.T. auch vom Deutschen Zoll wieder rausgenommen), Kleiderspenden, Spielzeug etc. vorausschicken konnten und Tuul dann vor Ort alles in die Sum`s (Dörfer, in denen wir dann arbeiteten) per Jeep verteilen konnte. Bis auf den Zoll hat alles perfekt funktioniert. Leider hat der mongolische Zoll auch vieles bei der Einreise vorerst einbehalten, was Tuul wie jedes Jahr wahnsinnig viel Zeit, Durchsetzungsvermögen und Nerven gekostet hat, weil immer wieder Geld und Korruption dahinter steckt.

Hier möchten wir als Team unseren vielen Sponsoren danken, die uns mit Arbeitsmitteln und Werbegeschenken tatkräftig unterstützt haben:

  • Nobrodent Dentalhandel GmbH Gaba GmbH Fa. Merz Dental GmbH
  • Multident GmbH Zhermack GmbH Kanidenta GmbH & Co. AG
  • Komet /Gebr. Brasser GmbH & Co. AG Urbanapotheke Berlin
  • Sparkasse Eberswalde Deutsche Bank Eberswalde Zahnarztpraxis Dr. Wilhelm

So nun geht es endlich los. Unser Team der Gruppe 5 fliegt zusammen mit allen anderen Gruppen von Berlin Tegel am 16.07.2014 via Moskau nach Ulaan Baatar und anschließend per Propellermaschine nach Bayankhongor weiter. Das Gepäck ist schnell verteilt, da die Hälfte in U.B. geblieben ist, es passte einfach nicht mehr mit ins Flugzeug. Es hieß, es wird mit dem Auto nachgebracht (ca 620 km, je nach Wetter und Fahrzeug 10-16 Std. Fahrzeit), das sind eben mongolische Verhältnisse, die in Deutschland undenkbar wären. In Bayankhongor fand ein herzlicher Empfang im Uran-Khairhan-Hotel im Konferenzsaal durch den Oberbürgermeister, Gesundheitsamtsleiter etc. statt. Es wurden von den Einheimischen stolz Statistiken aus den vergangenen Arbeitseinsätzen vorgestellt, was durch DWLF und die vielen freiwilligen Helfer/-innen bereits geleistet wurde. Bei einem geselligen Abendessen und immer wiederkehrenden Anstoßen mit Dschingis Khan-Wodka lernten wir unseren Gruppen-Dolmetscher Uba, unseren mongolischen Zahnarzt Bilguun und die Chefin des Krankenhauses in Bayanlig sowie unseren Fahrer kennen.

Doch bevor wir unseren Arbeitseinsatz wirklich starteten, hatten wir das große Glück, mit Gruppe 4 zusammen sehr früh nach Jinst zu fahren, um dort dem größten traditionellen Volksfest, dem Nadaam Fest, beiwohnen zu dürfen. Auch dort wurden wir herzlichst in einer Jurte vorm Krankenhaus empfangen, mit Milchtee, Käse, getrocknetem, salzigen Quark, vergorene Stutenmilch. Das war die erste wirkliche Bekanntschaft mit traditioneller Kost in der Mongolei, was natürlich für die Meisten von uns anfangs sehr gewöhnungsbedürftig war. Aber: Man kann alles essen und trinken!

Am Mittag wurde dann das Fest mit einer kleinen Parade eröffnet, Kinder tanzen, es wurde gesungen und anschließend begannen die Ringer ihren Kampf, was für uns Europäer sehr interessant war. Leider war dieses Fest total verregnet, so dass einige Programmänderungen erfolgten. Was uns jedoch ebenso faszinierte, war die Kleidung der Jinster. Trotz des schlechten Wetters und der matschig aufgeweichten Erde trugen sie ihre traditionellen Del`s (Trachtenkleider und Trachtenmäntel), Hüte und vor allem die Frauen und Kinder Sandaletten bis hin zu Highheels, während dessen wir in Wanderschuhen und Globetrotter-Ausrüstung dem Feste folgten. Am nächsten Morgen begann das Pferderennen der Kinder sehr früh. Sie mussten 20 km alleine durch die Wüste/Steppe reiten, die Jüngsten waren gerade mal 3 Jahre, und es goss in Strömen. Aber sie ritten stolz und tapfer und wurden von Ihrer Familie am Ziel würdig in Empfang genommen. Und wir waren stolz, dabei gewesen zu sein.

So, nun ruft die Arbeit. Am späten Vormittag fahren wir mit 2 Jeeps weiter nach Bayanlig. Die Fahrt ist spannend. Wir queren eine Furt, machen in der Wüste Gobi Picknick, der Fahrer bringt uns mit dem Jeep sicher durch die tiefen Schlammwege und durch die Gebirgstäler. So konnten wir uns schon mal mit der irren kargen aber auch interessanten Landschaft vertraut machen.

In Bayanlig werden wir von den Krankenhaus-Mitarbeiter/-innen begrüßt. Es gibt wieder Käse, getrockneten Quark, Milchtee. Mittlerweile haben wir uns an den Geschmack gewöhnt, man kann sagen, es schmeckt immer besser. Die Kisten aus dem Container sind schon alle im Krankenhaus, wir beginnen sofort mit dem Auspacken, Sichten und verteilen auf die 2 Zimmer, die uns zur Verfügung gestellt wurden. Leider waren die Kartons schon nicht mehr ganz vollständig. Durch den deutschen Zoll wurden die Flüssigdesinfektionsmittel herausgenommen, die Kinderkleidung fehlte komplett sowie auch einige Spielsachen für die Kinder.

Damit unser Dolmetscher nicht permanent zwischen den Zimmern hin und her laufen muss, entscheiden wir uns als Team, beide Behandlungsstühle mit je einer Koffereinheit, einer rollbaren Absauganlage und 2 Behandlerstühlen nebeneinander aufzubauen. Auf einem Schreibtisch werden alle Instrumente, Materialien, UV-Lampen etc. aufgestellt; sehr eng und chaotisch. Im 2. Zimmer bauen wir einen Behandlungsstuhl, das Ultraschallgerät und eine Absauganlage sowie den Sterilisationsbereich auf. Hier werden wir auch Zahnextraktionen durchführen, um die anderen 2 Stühle vordergründig zur Füllungstherapie nutzen zu können. Die Prophylaktischen Aufklärungen und Putzübungen führen wir überall dort durch, wo Platz ist.

Spät am Abend kam Tuul mit dem Filmteam und der Journalistin noch vorbei und führten mit uns ein Interview. Außerdem wurden noch Arbeitsmittel aufgefüllt, die wir benötigen konnten. Dann vielen wir nach der langen abenteuerlichen Anreise todmüde in unsere Betten (ein kleines gemütliches Zimmer mit 4 Betten, 4 Stühle und ein Tisch).

Aller Anfang ist schwer: Unser erster Arbeitstag, ein Sonntag und damit für die Einheimischen Wochenende, beginnt. Die ersten Patienten sind Kinder, dann deren Eltern, Krankenhauspersonal. Es dauert eine kleine Weile, bis wir uns mit den Koffereinheiten und dem ganzen Equipment eingespielt haben. Der Arbeits-und Materialtisch sieht schnell chaotisch aus, da er von 2 Seiten in Anspruch genommen wird. Unser Team spielt sich sehr schnell ein und dann behandeln wir, das wir die Zeit gar nicht mehr im Blick haben. Wir arbeiten durchschnittlich von 9.00-19.00 Uhr mit ca. 1 Std. Mittagspause (meist weniger, weil die Patienten schon oder immer noch warten und uns dann das schlechte Gewissen plagt).

In der Therapie heißt es Schalter umlegen und anders denken als in unseren „Luxuspraxen“: Befund erheben, Füllungen, Extraktionen, Zahnstein entfernen, Kinder erhalten praktische prophylaktische Übungen zur Mundhygiene, es werden Zahnbürsten und Zahnpasten verteilt. Im Vergleich zu den nepalesischen Patienten sind die Mongolischen viel empfindlicher. Es geht fast nichts ohne Anästhesie.

Allerdings lassen sich die Patienten in Bayanlig auch nicht gleich Zähne extrahieren, wenn sie mit Endodontie noch erhalten werden könnten; auch wenn Sie bereits Schmerzen hatten. Sie möchten dann doch, sofern sie es ermöglichen können, nach Bayankhongor oder Ulaan Baatar, um diese Behandlung dort durchführen zu lassen.

 Immerhin gibt es Patienten, welche kleine Kunststoffprothesen ohne Klammern und Kronen oder brückenähnliche Versorgungen im Munde haben. In Bayangobi war dies nicht so, dort sollten wir wesentlich mehr Zähne extrahieren. Wichtig war für uns, vor allem was für die Prophylaxe von Mund-und Zahnerkrankungen zu tun, sowie über eine richtige Ernährung für dortige Verhältnisse aufzuklären. Denn es ist leicht gesagt, viel Obst und Gemüse zu essen, wenn dort nichts wächst und es kaum etwas zu kaufen gibt, dafür um so mehr Süßigkeiten, Cola, Fanta etc. Dieses Thema ist nicht nur für die Helfer/-innen ne große Aufgabe und Verantwortung sondern muss auch in die politische Arbeit innerhalb der Mongolei stärker integriert werden.

Als Ausgleich zu unserer Arbeit organisiert das Krankenhauspersonal einen Ausflug zu den Nomaden. Auch hier die übliche Begrüßungs-zeremonie: Milchtee, Gebäck, Quarkwürfel, Käse, Kefir, warme Ziegenmilch, Schnupftabak. Alles sehr lecker. Als Dankeschöne bekommt der „Hausherr“ einen guten Tropfen Dschingis-Khan-Wodka, die Damen Kosmetik, die Kinder zuckerfreie Süßigkeiten. Anschließend fahren wir noch zu einer Felssteinrutsche. Der Fels ist an dieser Stelle aalglatt, so dass wir uns tatsächlich hinsetzten und auf dem Hosenboden rutschten. Es war ein wunderschöner lauer Sommerabend und auch hier durfte der Wodka und Bier nicht fehlen. Aber es hat total Spaß gemacht, obwohl es schon stock dunkel war und wir nur unsere Stirnlampen dabei hatten. Die Einheimischen brauchen so etwas nicht. Die kennen sich auch im Dunkeln gut aus, was wir bei der Heimfahrt erfahren durften. Man fragt sich wirklich, wo sie ihre Orientierung hernehmen, 1 h unter tollem Sternenhimmel ohne Straßen querfeldein wieder nach hause zu finden, und dann noch unter Alkohol. Aber keine Angst: Es wächst kein Baum, kein Strauch, es gibt kein Haus, die Tiere sind bei den Jurten; also wo soll man da gegen fahren?

Für den schönen Abend haben wir uns dann bei den Kolleginnen und Kollegen mit einem Besuch in der neuen Karaokebar im Ort revanchiert. Karaoke wird in der Mongolei ganz „groß“ geschrieben und wird in jedem noch so kleinen Ort in fast jeder freien Minute mit voller Begeisterung betrieben. Und: Die Einheimischen haben wunderschöne Stimmen und können super singen.

 Für unseren letzten und freien Tag in Bayanlig haben die Krankenhausmitarbeiter/-innen einen Nachmittagsausflug organisiert (nachdem wir unser Equipment wieder in Kisten für den nächsten Einsatzort verstaut hatten) und den wir natürlich bezahlen mussten. Mit dem Jeep geht es 1 h querfeldein durch die Wüste zu einer Höhle (aus verschiedensten Quarzgesteinen), die wir besichtigen und anschließend davor Picknick machten. Am Vorabend wurde extra für uns eine Ziege geschlachtet, die nun hier in einer Art „Schnellkochtopf“, was eine große Milchkanne war, auf offenem Feuer zubereitet wurde. In dem Topf befanden sich heiße Flusssteine, ein paar Möhren und Kartoffeln und jede Menge Ziegenfleisch. Traditionell bekamen wir die Steine dann vor dem Essen in die Hände. Zuerst bekam jeder eine Schale voll mit einer sehr würzigen und wirklich guten Boullion, danach geht`s ans Fleisch (schmeckt, aber sehr zäh, vergleichbar mit unserem Kochfleisch). Der Dschingis-Khan-Wodka durfte natürlich nicht fehlen.

 Auf der Rückfahrt hielten wir noch bei einer Nomadenfamilie mit einer großen Herde mit Kamelen, wo wir alle einmal auf einem Kamel Probesitzen durften (ohne Sattel). Das schöne ganz weiche Fell fühlte sich wunderbar an, aber großartig bewegen mochte man sich nicht, aus Angst runterzufallen.

In der 2. Arbeitswoche geht es nun nach Bayangobi, ca. 1 h von Bayanlig entfernt. Wir werden freundlich mit leckerem Begrüßungsessen auf unserem Zimmer (ein Patientenzimmer) empfangen. Nach der Stärkung beginnen wir gleich unsere „Behandlungszimmer“ einzuräumen. Wasser haben wir dieses Mal aus der Wand, allerdings ohne funktionierenden Abfluss. Ein Eimer unterm Waschbecken tut es auch. Am Abend führt uns die Krankenhauschefin durch den Ort.

 Hier werden wir wesentlich mehr Kinder behandeln als in Bayanlig. Die Gebisse befinden sich in einem desolaten Zustand. Die Hauptaufgabe in der Prophylaxe muss hier die Ernährungsberatung sein. Weg vom Zucker!!! Hin zu Obst und Gemüse!!! Es werden kiloweise Süßigkeiten, literweise Cola, Fanta, Sprite etc. durch die Lande gefahren, dann wird wohl erst recht Platz für gesunde Nahrungsmittel sein. Generell haben wir in der 2. Woche deutlich mehr Zähne extrahieren müssen als in der 1. Woche. Die Patienten in Bayangobi wollten so wenig wie möglich Folgebehandlungen (Wurzelbehandlungen), obwohl einige die Chance nutzten, mehrmals zur Behandlung zu erscheinen, was wir nach Möglichkeit auch nicht abgelehnt haben. Zum Behandeln gibt es hier noch genügend.

Die Mitarbeiter/-innen des Krankenhauses luden uns an einem Abend zu deren Feierlichkeiten in ein Touristendorf (Jurtendorf) außerhalb des Ortes ein. Gefeiert wurden die sehr gut belegten Plätze bei den Sportfesten unter den Sums, ein 1. Platz in einem Song-Contest und der neue Fußballweltmeister Deutschland. Es wurde gut gekocht, gegessen, getrunken, erzählt und vor allem gesungen. Allerdings konnten wir mit den Einheimischen in allem nicht wirklich mithalten. Das tollste des Abends jedoch war eine warme Dusche im Camp, ein Luxus in den zwei Wochen!

Unser letzte Tag in Bayangobi wurde in den Bergen organisiert. Picknick an einem wunderschönen Aussichtspunkt (2962m ü.M.) mit Steinstupa, grandioser Landschaft, Yacks und zuletzt mit Gruppe 4 ein gemeinsames traditionelles Abschiedsessen mit den Einheimischen: eine frisch geschlachtete Ziege, das Fleisch gegart im eigenen Fell. Wahnsinn!! Danke, dass wir das alles miterleben durften!!

 Nun heißt es auch schon wieder Abschied nehmen. Am nächsten Tag ging es dann 6 h mit dem Jeep (mit Reifenpanne mitten in der Wüste Gobi) zurück nach Bayankhongor, wo wir ehrenhaft vom Bürgermeister wieder empfangen wurden. Im Theater wurde eigens für uns ein tolles kulturelles Programm geboten. Am Abend wurde unsere Arbeit bei gutem Essen, Trinken, Plaudern und Tanz ausgewertet. Wir haben insgesamt viel erreicht, auch wenn es wieder einmal nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war und wir noch wochen- nein monatelang hier weiterarbeiten könnten. Der zähnärztliche Bedarf, aber auch die politische Unterstützung in Sachen Ernährungs-lenkung, Aufklärung und die Organisation einheimischer Zahnärzte in die einzelnen Sums reicht noch nicht aus.

Ich kann nur empfehlen: Kollegen/-innen! Meldet euch bei DWLF, nehmt an solchen Hilfseinsätzen teil. Es ist immer wieder eine tolle Erfahrung, mit wenigen Mitteln große Erfolge zu erzielen und eine Chance, nicht als Tourist die dortigen Menschen zu erleben, sondern mit Ihnen zusammen zu leben.

 

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