von Dr. Rolf Gebrande (rg.gebrande@gmx.de)

Grootfontein 05.-17.Nov 2012

Im Novemberheft der ZM von 2011 las ich einen Bericht über „grenzenloses Engagement“ einer neu gegründeten Organisation mit Namen Zahnärzte ohne Grenzen (Dentists without limits Foundation, DWLF).

Nachdem ich nun 1 Jahr im Ruhestand war, ergriff mich doch eine gewisse Unruhe. Ich studierte die Website, nahm Kontakt auf, machte mich kundig und war rasch entschlossen, dort mitzuarbeiten, denn die „Philosophie“ der Stiftung, die durchdachte Organisation und die innere Struktur machten einen sehr seriösen unterstützungswürdigen Eindruck.

Nach Erledigung einiger bürokratischer Hürden war ich im Besitz eines DWLF-Ausweises und meinem zahnärztlichen Einsatz im Ausland stand nichts mehr im weg.

Da ich anlässlich eines Urlaubs 2010 Namibia kennen und lieben gelernt hatte, war mein Ziel gleich klar, als ich erfuhr, dass DWLF dort ein Projekt in Vorbereitung und mit dem namibischen Gesundheitsministerium alles vertraglich geregelt hatte.

Nach Kontaktaufnahmen mit dem Projektmanager Europa Dr. Schifferdecker meldete ich mich bei der Zentrale in Nürnberg an und wurde für 2 Wochen im November 2012 eingeteilt, zusammen mit drei weiteren Personen.

Mit Interesse verfolgte ich die Berichte des Pionierteams von Dr. Dieter Lehmann und Dr. Rainer Schwedt und den folgenden Erfahrungsbericht von Dr. Stefan Rohr. Da wurde mir schon klar, dass man die gewohnten Bedingungen zahnärztlicher Berufsausübung nicht erwarten konnte, dass Flexibilität, Improvisationskunst, Mut zum Risiko, Frustrationstoleranz und körperliche Belastbarkeit gefordert waren.

Der erste Frust war, dass zweimal Leute, die sich für dieses Team gemeldet hatten, kurzfristig wieder abgesagt haben, so dass ich nur mit Unterstützung durch eine Helferin rechnen konnte.

Würde sie ihrer Aufgabe gewachsen sein?

Vorwegnehmend kann ich sagen, ich hatte großes Glück mit meinem „blind date“ namens Miriam Vierthaler aus Karlsruhe: eine reisefreudige, abenteuerlustige, belastbare, erfahrene und aufmerksame Zahnarzthelferin, mit der die Arbeit Spaß machte.

Wir hatten im Vorfeld telefonisch und per Internet Kontakt und sprachen uns ab, was jeder an zahnärztlichen Material (insbesondere Anästhetika, 1x Nadeln, Handschuhe) und Prophylaxematerial mitbringen sollte.

Der lange Nachtflug von Frankfurt nach Windhoek ermöglichte- nebeneinander sitzend- schon mal ein näheres kennenlernen.

Am Sonntag 4.11. landeten wir frühmorgens am intern. Airport von Windhoek Hosea Kutako, nahmen Gepäck und Übergepäck in Empfang, bekamen von einem Bekannten des Projektmanagers in Grootfontein Max Beier einen Pickup (typisches Farmervehikel) übergeben, mit dem wir dann 500 km gen Norden rauschten, wobei wir uns gegenseitig stets an den Linksverkehr erinnerten, vor allem bei Kreuzungen und Kreisverkehr.

Dank Mobiltelefon (mit namibischer SIM-Karte) konnten wir mit Max Beier und seiner Frau Irmgard einen Treffpunkt am Ortseingang von Grootfontein vereinbaren, von wo aus wir zu seinem Haus fuhren, welches für die nächsten 14 Tage unser „Basislager“ sein sollte.

Dieses Haus soll später mal ihr Alterssitz werden, wenn sie die in 40 km Entfernung liegende Rinderfarm in jüngere Hände übergeben haben.

Entsprechend komfortabel und räumlich großzügig war es für unser kleines 2er-Team, schön gelegen zwischen exotischen Bäumen und nah beim Zentrum. Wir hatten einen gut bestückten Kühlschrank und weitere Vorräte und jeder sein eigenes Zimmer und Bad. Und dass er uns seinen VW-Polo überließ, machte den Luxus komplett.

Montag, 5.11. erster Arbeitstag: Fahrt zum staatlichen Krankenhaus und Vorstellung beim dortigen Chefarzt Dr. Bwalya, der uns mit den anderen wichtigen Personen Matron Sarah und Nurse Maria bekannt machte und uns den Behandlungsraum zeigte.

Er sagte, wir seien heute in Otjituo angemeldet, einem Dorf am Rande der Kalahari, wo viele Patienten auf uns warten würden. Das war natürlich völlig unmöglich, da wir erst einmal die Lage, die zahnärztlichen Geräte, das Instrumentarium und die Hygienebedingungen hier vor Ort erkunden mussten. Außerdem war zu klären, was zu diesem outreach- Einsatz mitgenommen werden musste.

Der Vormittag wurde gebraucht, um alles kennenzulernen, zu säubern und auch wieder in Gang zu bringen (Absauganlage, Kompressor). Der angekündigte Krankenhaustechniker Samuel aus dem 250 km entfernten Otjiwarongo war noch nicht da. Dennoch hatten wir einen Teil des Equipments soweit funktionstüchtig, dass wir am Nachmittag regulär behandeln konnten.

Auf den Bänken vor dem Behandlungsraum hatten sich Leute versammelt, denen von der Ankunft neuer Zahnärzte erzählt worden war, so dass wir an diesem Nachmittag 21 Patienten zu behandeln hatten (fast nur Extraktionen). Dieser erste Tag war ganz schön anstrengend, zumal wir – aus dem kalten Deutschland kommen- diese Temperaturen um die 30 Grad nicht gewöhnt waren. Am nächsten Tag (Di. 6.11.) ging’s dann mit einem Fahrzeug des Gesundheitsministeriums und dem Fahrer Mbwala auf Staubstrasse raus ins Dorf Otjituo. Zuvor musste das vermutlich benötigte Instrumentarium in die vorhandenen Blechkisten verstaut werden, der zerlegte Zahnarztstuhl, die mobile Koffereinheit (dental unit) und die Hygieneutensilien verladen werden, was den halben Vormittag in Anspruch nahm.

Wir wussten, in der Dorfklinik gibt’s Strom und fließend Wasser und abends würden wir wieder zurück sein, da nur eine Stunde entfernt.

Wir wurden freudigst empfangen von der Dorfschwester, die uns ihren schönsten Raum für die Einrichtung eines Dental Cabinets zu Verfügung stellte.

Draußen warteten schon zahlreiche Patienten (Schulkinder, malerisch gekleidete Herrerofrauen, kleine faltige Buschleute des San-Volkes), die per Radio auf die Ankunft von Zahnärzten aufmerksam gemacht wurden.

Die Gruppe der Wartenden wurde gar nicht kleiner und uns war klar: hier gibt’s noch für einige Tage Arbeit! Wir erfuhren, dass es bereits 5 Jahre her sind, dass jemand hier war, der Zähne ziehen konnte (vermutlich Dental Therapists). Entsprechens sah es auch aus.

Was anderes als Extraktionen kam gar nicht in Frage. Was diesen Job erschwert, ist nicht so sehr der angeblich harte Knochen der Afrikaner (nur ganz selten musste aufgeklappt werden), sondern der tief zerstörte Zustand der abgefaulten Zähne, an denen die Zange keinen Halt mehr findet.

Nach fünf Stunden mussten wir abbrechen, die Leute heimschicken – wie weit es auch sein würde, da wir noch zurück zum Hospital mussten zum Sterilisieren der Instrumente.

Behandlungsstuhl und Mobile Einheit konnten wir stehen lassen, da wir ja morgen wiederkommen würden. Bei der Heimfahrt ging die Sonne unter und wir kamen erst bei Dunkelheit nach Hause.

An diesem Tag arbeitete der Techniker Samuel im Hospital an der festen chinesischen Dental- Einheit Sinol und an einer mobilen Absaugung und brachte das meiste wieder in Gang.

Mi. 07.11. Verspäteter Aufbruch nach Otjituuo, da wir wegen eines Defekts der zentralen Sterilisation in Grootfontein noch auf die chirurgischen Instrumente warten mussten. Sie wurden ins 10 km entfernte Militärcamp zur Sterilisation gebracht. In Otjituuo angekommen wurden zahlreiche Patienten behandelt.

Zusätzlich demonstrierte Miriam draußen im Wartebereich das richtige Zähneputzen an einem großen mitgebrachten Plüschzahn und verteilte zur allgemeinen Freude Zahnbürsten an alle.                                                                                     

Zahlreiche Patienten mussten wieder weggeschickt werden, da die Rückfahrt drängte. Wir kommen wieder!  

Do. 08.11.: Heute standen wir wieder ganztags den Patienten im Hospital in Grootfontein zur Verfügung. Da es nur neun waren, hatten wir noch Zeit für Instrumentenaufbereitung, Gerätewartung und Materialsichtung. Die Vorgängerteams hatten alle unterschiedlichstes Dentalmaterial mitgebracht, was mal systematisch sortiert und untergebracht werden musste.

Eine ähnliche Aufräumaktion war auch im Lagerraum in einem Nebengebäude fällig, wo DWLF die Ausrüstung für Außeneinsätze gelagert hat.

Fr. 09.11.: Ganztägiger Einsatz in Otjituuo. Es wurden wieder zahlreiche Patienten behandelt mit Extraktionen, 1 Wurzelbehandlung, 2 Füllungen, einer Nachblutung und sonstige kleinere Maßnahmen. Heute hatte ich Endoinstrumente und Endomedikamente mitgebracht, weil ich 2 Tage vorher einer jungen Frau versprochen hatte, ihren Frontzahn zu retten. Ich brachte es nicht übers Herz, ihr den 21 zu ziehen in einer ansonsten intakten OK-Front.

Der Tag war insgesamt sehr anstrengend, da bei der Hitze so viel zu tun war, hat aber doch Spaß gemacht wegen der angenehmen Atmosphäre, den liebenswürdigen und dankbaren Patienten und der guten Unterstützung durch die Schwester und Hilfskräfte vor Ort. Als wir zurück im Hospital waren, hatten wir einen 11-Stundentag hinter uns und freuten uns auf ein erholsames Wochenende.

Während unsere Vorgänger an dem freien Wochenende zwischen den beiden Arbeitswochen die Chance hatten, zwei gemütliche Tage im Guesthouse auf Max Beiers Farm zu verbringen, klappte dies ausnahmsweise an diesem Wochenende nicht, da er mit seiner Frau in Swakopmund verabredet war. So machten wir es uns in unserem schönen Haus in Grootfontein gemütlich, hatten etwas Zeit, über unser Tun zu reflektieren und im Schatten einer Palme zu relaxen, denn es war besonders heiß an diesem 10.11. (über 35 Grad im Schatten).

Dass unser zahnmedizinisches Wirken für einzelne segensreich war und Befreiung von langem Leiden bedeutete, das befriedigte uns schon, aber was war es gesundheitspolitisch? Nichts als ein kleiner Wassertropfen in der Kalahari!

Wenn das DWLF-Engagement nicht zur Initialzündung für zahnmedizinische Basisversorgung und Präventionsanstrengungen in den Schulen wird, dann bleibt die Wirkung auf individuelle Wohltätigkeit beschränkt.

Dank des zu Verfügung stehenden PKWs machten wir aber auch ein kleines Besichtigungsprogramm an diesen 2 Tagen im Umkreis von 100 km:

Hoba-Meteorit, Tierbeobachtung und zünftiges Wildbret-Menue in der Bushbaby-Lodge, gigantischer Baobabbaum, Otjkotosee und Regeneration im paradiesischen Garten der Uris-Lodge mit Pool und Fassbier.

So konnte es mit frischen Kräften in die nächste Arbeitswoche gehen, die wir uns eigentlich auch hätten schenken können. Hatten wir doch unser Stundensoll schon in der ersten Woche erfüllt.

Mo 12.11.: Arbeit im Hospital Grootfontein. Auf den Bänken vor dem Behandlungsraum hatten sich wieder genügend Patienten eingefunden. Wir bekamen Verstärkung in Form einer „Dental Therapist“ aus Otjiwarongo mit Namen Tsebo Teli. 

Diese hat eine 3-jährige Ausbildung in Südafrika gemacht für Basiszahnheilkunde. Sie darf örtliche Betäubungen und Extraktionen durchführen. Sie durfte ihr Können gleich unter Beweis stellen und wir staunten, wie zügig und robust sie die leichteren Fälle bewältigte. An diesem Tag behandelten wir 21 Patienten, unterstützt von Tsebo und bereiteten alles vor für den nächsten Outreach-Einsatz.

Di 13.11.: Wir packten wieder unsere mobile Ausrüstung in den Pickup des staatlichen Gesundheitsdienstes und fuhren in ein anderes Dorf namens Kombat, 40 km entfernt, wo wir ebenfalls sehnlichst erwartet wurden. (Bild 7) Dort Einrichtung der Praxis im Medikamentenlager der „State Clinic“ mit Aircondition- der sauberste Raum, drum herum war es hygienisch verbesserungswürdig! Dorfschwester Silonga war sehr hilfsbereit. Wir behandelten ca. 30 Patienten (nur Extraktionen). Miss Tsebo machte das schriftliche       (die Einträge in den Patientenpass), Miss Miriam instrumentierte und reinigte fortlaufend.

Mi 14.11.: Nochmals ein Tag in Kombat, wieder viele Patienten, wartend vor der „Clinic“ in der outside waiting area. Extraktionsfälle noch und noch bis zum Muskelkater, mit immer knapper werdendem Instrumentarium. Aber alle wartenden konnten behandelt werden, sodass – chirurgisch gesehen – dort erst mal aufgeräumt ist; leider nicht konservierend! Zwischendurch erteilte Miriam Zahnputzunterricht und verschenkte Zahnbürsten.

Die Patienten in Grootfontein, die über unsere Abwesenheit in den letzten beiden Tagen per Aushang informiert waren, fanden sich am Do 15.11. ein. Da wir im Hospital zwei Stühle (die fixe Sinoleinheit und eine Mobilausstattung) zur Verfügung hatten, konnte ich unserer Assistentin Tsebo die Extraktionen überlassen. (Bild 9). So durfte ich endlich mal konservierende Zahnheilkunde machen (Komposits, Lichtgerät usw. war ja alles da) und brauchte mich nicht nur als radikaler Exodontist fühlen.

An diesem Tag war noch Zeit, um für die nächste Gruppe hilfreiche Tipps an die Pinwand zu heften, Material und Gerät vorzubereiten, zum einen im Behandlungsraum, zum anderen im Lagerraum schräg gegenüber, wo eigentlich Rehabilitation stattfinden sollte, aber jetzt nur der Unterbringung von Rollstühlen und den Gerätschaften von DWLF diente. Es wäre gut, wenn wir dort jemand hätten, der sich um Wartung und Instandhaltung kümmert, sonst ergeht es dem kostbaren Material der Organisation gleich wie so mancher gespendeten Ausrüstung in der Entwicklungshilfe.

Fr 16.11.: Glücklicherweise war am letzten Tag nicht mehr so viel los- nur vier Patienten, darunter aber eine Frau mit schwieriger Weisheitszahnentfernung. Nach Aufräumen und Abgabe der Sterilisationstrommeln im Zentralsteri konnten wir um die Mittagszeit Schluss machen. Herzlicher Abschied von den Verantwortlichen im Hospital. Dr. Bwalya wollte noch einen Tätigkeitsbericht sehen. Den hat er auch bekommen – 14 Tage später per E-Mail auf englisch. Jetzt hatten wir doch noch Zeit, Max Beiers Rinderfarm kennenzulernen, wo wir einen Einblick ins Farmerleben bekamen und vor allem die angenehmen Seiten als Gast genießen durften, mit Pool, Jeepfahrt durch das weitläufige Busch-und Weideland, feines Essen, komfortable Gästezimmer und Sundowner am Lagerfeuer. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an Max Beier und sein Ehefrau Irmgard, ohne die das Projekt so gar nicht machbar wäre.

Sa 17.11.: Früher Aufbruch zurück Richtung Süden im Polo unseres Gastgebers. Meine Helferin traf sich in Otjiwarongo mit einer Reisegruppe, um noch eine Woche touristisch unterwegs zu sein. Ich selbst fuhr weiter nach Windhoek und nach einer Stadtbesichtigung weiter zum Flughafen, wo um 21 Uhr der Flieger nach Frankfurt startete: Zurück ins winterliche Deutschland.

Resumee:

Im Gegensatz zu unseren Vorgängern konnten wir nicht darüber klagen, dass man nicht auf uns vorbereitet war. Das organisatorische Gerüst stand, unser Einsatzplan funktionierte. Dass dann doch noch viel in Eigenregie zu managen war, darauf musste man gefasst sein.

Die Teams sollten unbedingt ihre Erfahrungen weitergeben d.h.: Sie müssen den Nachfolgern die Schlüssel in die Hand geben und gut kommunizieren. Sie müssten überlappend arbeiten. Außerdem sollte jedes Team von der Hospitalleitung darüber aufgeklärt werden, wie das Organisatorische abzulaufen hat und was an Verwaltungsarbeit geleistet werden muss:

  • Leistungsstatistik nach Art der Leistung und nach Patienten (Erwachsene, Jugendliche, Kinder).
  • Was für Einträge in den Health-Pass? 
  • Wie geht das mit Rezepten, Krankmeldung etc.
  • Was kann ich woher bekommen an OP-Material, Medikamenten, Spritzen, Tupfer, Desinfektionsmittel?

Noch ein Vorschlag zur Einrichtung: Wünschenswert wären zahlreiche Schubladen, damit Instrumente, Medikamente und Material staubgeschützt aufbewahrt werden können, zumal die meist geöffneten Klappfenster viel Ungeziefer reinlassen.

Trotz allen Unvollkommenheiten können wir abschließend sagen:

Der Einsatz hat sich gelohnt, für unsere Patienten und uns! Es hat viel Spaß gemacht, wir würden es wieder machen!

Hier in Namibia oder anderswo für DWLF!

PS. Wir wollen es nicht versäumen, uns im Namen unserer zahlreichen Patienten in Namibia zu bedanken für die vielen Materialspenden, die uns mitgegeben wurden, insbesondere die vielen Zahnbürsten aus den Beständen der Jugendzahnpflege Karlsruhe.

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