von Dr. Stefan Rohr (dr.stefan.rohr@t-online.de)

Es gibt Augenblicke, die Spuren im Herzen hinterlassen. Unvergesslich. Unauslöschlich.

Es sind diese Augenblicke, die das Leben reich und besonders werden lassen, es lebenswert machen. Und Namibia scheint ein Land zu sein, das für solche Augenblicke prädestiniert ist.

Vom 27.08.2012 bis 08.09.2012 arbeitete unsere Gruppe im Auftrag von „Zahnärzte ohne Grenzen“ in Grootfontein, Namibia.

Im Team waren:

  • Dr. Alfred Schwarzbach
  • Tina Gauss
  • Dr.Stefan Rohr (Teamleader)
  • Jutta Schwarzbach begleitete als Fotografin die Gruppe

Diese Reisen sind immer ein Abenteuer. Vier Menschen, willkürlich zusammengewürfelt, in Afrika, in einer fremden Kultur, 36 Grad ohne Chance auf eine Klimaanlage, zusammen leben in einer Dreizimmerwohnung, zusammen arbeiten, improvisieren. Zusammen eine Challenge bestehen.

Max und Irmgard Beyer, beide gebürtige Namibier und beide mit ganzem Herzen im Namibiaprojekt engagiert, stellten ihr Haus in Grootfontein und ein Auto für die Gruppe zur Verfügung. Der Kühlschrank und das Weinregal waren randvoll, es fehlte uns an nichts.

Täglich schaute Max im Krankenhaus vorbei oder telefonierte, ob es uns gut geht. Unser besonderer Dank gilt Irmgard und Max. Ohne sie wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen.

Die Ausgangssituation schien spannend: Namibia, ein neues Projekt von „Zahnärzte ohne Grenzen“. Vor zwei Monaten installierte die erste Gruppe im Krankenhaus Grootfontein die zahnärztliche Behandlungseinheit, sondierte im Outreach das zahnärztlich Machbare, behandelte erste Patienten. Die Arbeitserlaubnis der zweiten Gruppe wurde vom Gesundheitsministerium kurzfristig zurückgenommen, so dass wir, die dritte Gruppe, die erste Arbeitsgruppe sein sollten.

Das Konzept in Namibia sieht vor, dass jede Gruppe zwei Wochen vor Ort bleibt und von der nächsten Gruppe nahtlos abgelöst wird. Verlässlichkeit und Kontinuität der zahnärztlichen Versorgung sollen damit sichergestellt werden.

Schon am ersten Tag kam die Challenge auf uns zu: Die fehlende Kommunikation der Namibischen Behörden. Ein Problem, das uns auf Schritt und Tritt begleitete. Im Krankenhaus in Grootfontein war unbekannt, dass eine Gruppe Zahnärzte aus Deutschland kommen würde. Es gab keine Nachricht aus dem Gesundheitsministerium, das unsere Arbeitsunterlagen bearbeitete und die Arbeitserlaubnis erteilte, an das Krankenhaus. Entsprechend waren keine Patienten für uns einbestellt.

Für die zweite Woche war ein Outreach geplant, d.h. wir sollten Krankenhäuser im Busch besuchen. Auch dort wurden wir nicht avisiert, obwohl man das zugesichert hatte.

Schlussendlich nahmen wir die Kommunikation selbst in die Hand, erstellten eine Telefonliste von allen relevanten Krankenhäusern, Schulen, dem Kalahari New Hope Children‘s Village etc., um uns selbst telefonisch anzukündigen. Diese Liste ist in der Wohnung in Grootfontein hinterlegt und steht kommenden Gruppen zur Verfügung. Es ist mit Sicherheit hilfreich, bereits von Deutschland aus ein Mail an das Krankenhaus Grootfontein zu schicken, um die Administration auf das Eintreffen vorzubereiten.

Am ersten Arbeitstag, nach Telefonaten mit Dr. Ruta, dem Chefzahnarzt im Gesundheitsministerium, und mit dem Krankenhausleiter (PMO) in Grootfontein, hat man uns den Schlüssel zu unserem Praxisraum übergeben und im Krankenhaus bekannt gemacht, das Zahnärzte im Haus wären. An diesem Tag lief der Behandlungsbetrieb schleppend an. Das gab uns die Möglichkeit, uns mit dem Equipment vertraut zu machen, uns persönlich im Krankenhaus vorzustellen, Logistik, Steri und Pharmacy zu erkunden und den Lagerraum mit dem Outreach-Equipment zu sichten.

Ab dem zweiten Tag war unsere Präsenz im Ort bekannt, so dass wir auf beiden Behandlungsstühlen voll ausgelastet waren: Kontrolluntersuchungen, Zahnreinigungen, Füllungen, Extraktionen, Osteotomien. Alle Behandlung mit Lokalanästhesie und kostenfrei, beides für namibische Verhältnisse keine Selbstverständlichkeit. Und in einer Atmosphäre, getragen von Menschlichkeit, Begegnung auf Augenhöhe. Es war uns ein besonderes Anliegen, die Patienten mit ihrem Namen anzusprechen. Jeder Patient hat einen Gesundheitspass auf dem sein „Christian Name“ steht.

Unsere Behandlungseinheit verfügte über eine intraorale Kamera. Wir machten Fotos von den defekten Zähnen, Gingivitiden etc. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Zeigen, erklären, verstehen. Vorher – nachher Bilder. Am Ende der Behandlung bekam jeder Patient eine Zahnbürste geschenkt. Weit über 1000 Zahnbürsten hatten wir aus Deutschland mitgebracht.

Am Ende der ersten Woche erreichte uns die beunruhigende Nachricht, dass die Arbeitserlaubnis der nächsten Gruppe, Gruppe 4, ohne Kommentar zurückgenommen wurde und das Gesundheitsministerium das gesamte Projekt neu überdenken möchte.

Kurzfristig wurde auch unsere Mission in Frage gestellt. Es folgten lange Telefonate mit Dr. Ruta vom Ministerium, mit den Verantwortlichen in Deutschland, wir sprachen mit dem Gesundheitsbeauftragten der Provinz, der just an diesem Tag dem Krankenhaus einen Besuch abstattete. Die Provinz ist glücklich und dankbar über den „Einsatz von Zahnärzte ohne Grenzen“. Dem Gesundheitsministerium war keine Begründung für die Entscheidung zu entlocken, weshalb die Arbeitserlaubnis von Gruppe 4 storniert wurde.

Am Ende der Reise bestätigte das Ministerium die Arbeitserlaubnis der Gruppen 5 bis 8. Aufatmen – das Namibiaprojekt kann weitergehen.

Das Wochenende verbrachten wir auf Dornhügel, der Farm von Max und Irmgard. Wir haben es wie ein kleines Paradies empfunden. In einer dreistündigen Farmrundfahrt über 11000 ha Buschland erklärte uns Max wie eine Namibische Rinderfarm strukturiert ist und funktioniert. Am Sonntag lieh uns Max seinen 4×4 Geländewagen, denn nur er konnte uns sicher ins „Living Museum“ im Buschmannsland bringen. Feuer machen mit zwei Stöckchen, für Buschmänner kein Problem. Bei mir brannten nur die Hände vom Hin- und Herdrehen des Stöckchens.

Die zweite Woche begann mit einem 3 Tage Outreach. Die erste Station war Mangetti Hospital im Buschmannsland. Hitze, Trostlosigkeit, Verfall, Armut, grenzwertige hygienische Verhältnisse, kein Wasser, kein Steri im Hospital. Sprachlosigkeit und Betroffenheit bei uns. Und Dr. Marita Bosshard, eine Schweizerin, die seit 22 Jahren als einzige Ärztin hier Tag für Tag die Stellung hält. Eine ergreifende Erfahrung. Leider drang die Information unserer Ankunft zu spät nach Mangetti vor und viele Bewohner waren im Busch. Wir versorgten die wartenden Patienten und Fred organisierte eine Zahnputzdemo vor der Klinik. Von Mangetti aus telefonierte ich mit unserem nächsten Ziel, der Clinic in Gam, um dort unsere Ankunft am nächsten Tag vorzubereiten.

Nach getanem Werk brachte uns Nestor, unser Fahrer, nach Tsumkwe in die „Tsumkwe Country Lodge“. Die Zimmer hatte Irmgard für uns reserviert. Nach Mangetti kam uns die Lodge wie aus einer anderen Welt vor. Jutta nahm tapfer unsere verschwitzten Behandlungsshirts „mit unter die Dusche“ so dass wir am nächsten Tag wieder wie dem Ei gepellt dastanden. Mit einem „Tafel Lager“ bewachte ich auf der Terrasse vor dem Zimmer den Reisesteri, der zu meinen Füßen vor sich hin köchelte.

Gam, unsere zweite Station, hat nur eine Clinic. Das bedeutet, es gibt keinen Arzt. Eine Krankenschwester oder Krankenpfleger übernimmt die ärztliche Versorgung.

Diagnostisch stehen einige Schnelltests zur Auswahl, Malaria, HIV, TB, es gibt ein Fieberthermometer, eine Blutdruckmanschette und eine „oldfashioned“ Körperwaage.

Wiegen ist ganz wichtig. Jeder wird gewogen und dabei fliegen die Gewichte geräuschvoll hin und her bis der Balken im Gleichgewicht schwebt.

Gam hat eine Solaranlage, die Strom für den ganzen Ort produziert. Sie war vor fünf Tagen ausgefallen und es war noch nicht absehbar, wann jemand kommen würde, die Anlage zu reparieren. Die Spülung der Toilette war defekt, wie in Mangetti. Im Gegensatz zu Mangetti, wo es keinen Plan gab, wie dieses Problem gelöst werden könnte und die Toilette bis dahin ohne Wasser weiter betrieben wurde, stand in Gam ein großer Eimer Wasser für eine „manuelle“ Spülung bereit.

Michael, der diensthabende, weil einzige Pfleger, war freundlich und hilfsbereit, räumte sein Chefarztzimmer für uns und sorgte dafür, dass jede Menge Patienten warteten. Gam ist Hereroland. Ein Auffanglager. Kleine Kunststoffhütten mit Containercharakter. Frauen in wunderschönen, wallenden Kleidern mit hornähnlichen Hüten. Männer mit Sakko. Ein stolzes Volk. Kinder spielten vor der Clinic. Wir baten Michael, den Kindern zu sagen, sie sollten so viele Kinder wie möglich bis 14:00 Uhr vor der Clinic zusammentrommeln für eine Zahnputzdemo. Um 14:00 war das Openair Wartezimmer vor der Clinic proppenvoll.

Jedes Kind erhielt eine Kontrolluntersuchung, eine Zahnbürste, und die Mädchen einen Ring. Wir hatten einen Riesenspaß mir den Kids.

In der Mittagspause setzte ich mich zu einem alten Mann, der im Schatten des Vordachs der Clinic auf seinem Tupfer kaute. Er hieß Chief Joseph und war „may be 72“ Jahre alt.

Sein Stamm, die Herero, sind nach ihrer Vertreibung 1905 in Zuge eines „Resettlement Program“ 1996 aus Botswana nach Namibia zurückgekehrt und leben jetzt in Gam. Er erzählt mir die lange Geschichte seines Volkes…..

Abends ging‘s mit dem Auto zurück zur Tsumkwe County Lodge. Der Tank war leer. Da die nächste Tankstelle ca 400 km Schotterpiste entfernt war, hatten wir jede Menge Diesel in Kanistern dabei. Der Fahrer warf die „fuelpump“ an – Kanister aufs Dach, Schlauch rein, ansaugen, ausspucken, und schon lief‘s….

Der dritte Tag war für die Clinic in Tsumkwe vorgesehen. Sie wurde mir EU Mitteln erstellt. Ihr war eine Suppenküche für TBC Patienten angegliedert. Wir wussten um die starke Verbreitung von TBC in dieser Gegend und waren mit PPF3 Mundschutzen ausgerüstet.

Die Clinic leitete eine hübsche Schwester, die mehr Augen für Nestor,unseren Fahrer, hatte, als für unsere Patienten. Nachdem diese sehr spärlich gesät waren, bat ich Nestor, mich zu den beiden Schulen des Ortes zu fahren. Es war erster Schultag und noch nicht alle Kinder waren im Internat. Beiden Direktoren (Prinzipal) stellte ich unsere Organisation vor und bot Kontolluntersuchungen und Zahnputzdemos an. In einem Klassenzimmer konnte ich ca 100 Schüler und fast alle Lehrer untersuchen. Im Outreach verwendeten wir an Stelle von Mundspiegel Holzspatel, um mit einer Runde Sterilisation auf der Lodge-Terrasse hinzukommen. Stellte ich einen Befund fest, schrieb ich diesen auf den Holzspatel und schickte das Kind, bzw den Lehrer mit dem Spatel in die Clinic, wo Fred und Tina bereits warteten und die Therapie übernahmen.

Eine Nachfolgegruppe müsste noch die verbleibenden 1100 Schüler, die noch nicht in der Schule waren, untersuchen. Die Telefonnummern sind auf der Telefonliste.

Eines der Kinder in der Schule entdeckte meinen Fotoapparat auf dem Tisch, schlich sich an, hielt seine Finger vor die Linse, drehte sie und schaute, was im Display erschien.

Große Augen, offener Mund. Dieser Junge wurde mein Fotograph. Er machte Fotos, während seine Mitschüler untersucht wurden. Gemeinsam und unter lautem Lachen schauten sie sein Werk im Display an. Faszination Technik.

Auf der Heimfahrt nach Grootfontein, die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, besuchten wir noch die Clinic in Omatako. Die leitende Schwester bat uns wiederzukommen. Es gäbe viel zu tun für „Zahnärzte ohne Grenzen“.

Ich versprach, ihre Bitte weiterzuleiten. Der zweite Platz, es war eigentlich zuerst nur ein Straßenschild, das uns magisch anzog, „Kalahari New Hope“, war ein Kinderdorf. Eine rumänische Familie hat mit Kirchengeldern ein Kinderdorf im Busch errichtet. Es gibt dort eine Schule, Schlafräume, einen wunderschönen Gemüsegarten. Cornelia Pater, die Leiterin, wollte uns zum Abendessen einladen und hat gefragt, ob wir über Nacht bleiben wollen und wann wir wiederkommen würden und uns um die Zähne der Kinder kümmern könnten.

Auch ihre Telefonnummer ist auf unserer Telefonliste, in der Hoffnung, dass eine Nachfolgegruppe sich bei ihr meldet.

Am Donnerstag und Freitag noch zwei Behandlungstage in Grootfontein mit vielen Patienten. Am Freitagnachmittag, der Wartebereich war leer, der Praxisraum für die nächste Gruppe vorbereitet, hieß es Abschied nehmen vom Krankenhaus, der Matron,(Pflegedienstleitung), dem PMO.

Namibia, eine unvergessliche Erfahrung. Gastfreundschaft, offene Herzen, lachende Gesichter, winkende Hände an jeder Strassenecke. Nach zwei Wochen war Grootfontein keine normale afrikanische Kleinstadt mehr, sie war ein Stück weit unser zuhause. Beim allabendlichen Einkauf im Spar kommt ein Junge auf mich zugelaufen, fragt, ob ich mich an ihn erinnern würde, er wäre Ludwig. Auf dem Weg nach Hause winkt eine Frau von der anderen Strassenseite. Wir waren keine fremden Weißen mehr, wir waren auf dem Weg, ein Teil von Grootfontein zu werden.

Mit Koffern voller Hilfsgüter sind wir gekommen und nehmen ein Herz voller Erinnerungen mit nach Hause.

Danke Namibia!

Stefan Rohr

Mein besonderer Dank gilt:

Jutta, Tina und Fred. Ihr ward ein tolles Team.

Für die großzügige Unterstützung und Spenden bedanken wir uns bei:

  • Promed
  • Kanidenta
  • Frank Dental
  • Sanofi Aventis
  • Colgate
  • Gaba
  • Henry Schein
  • und Frau Elisabeth Rohr

Checkliste an mitzubringenden Hilfsgütern:

  • Zahnbürsten und Zahnpasta
  • Anästhetikum, Spritzen und Kanülen (Carpulenspritzen sind vorhanden)
  • Handschuhe und Mundschutz (evt. PPF3)
  • Tupfer
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