von Dr. Joachim Rückert, Probstgrund 14 a, D– 96450 Coburg     

04.05.2013

Nach den Hilfseinsätzen von 2010, 2011 und 2012 führten wir vom 08. – 19. April 2013 in bewährter Form einen erneuten zahnärztlichen Einsatz nördlich von Brasov (früher Kronstadt) durch. Wir – das bedeutet in diesem Fall ein Team aus 3 Personen: Dr. Joachim Rückert als Zahnarzt, tatkräftig unterstützt von der zahnmedizinischen Fachangestellten Miriam Röder und dem Johanniter Lorand Szüszner, der die gesamte apparative Ausstattung und zahlreiche Instrumente zur Verfügung stellte. Während Lorand Szüszner die Praxis auf dem Landweg von Mittelfranken nach Siebenbürgen brachte, bevorzugten die beiden anderen Mitarbeiter den Flug von Memmingen nach Tirgu Mures, wo sie zum restlichen Transfer ins Einsatzgebiet im Dorf Apata in Empfang genommen wurden. Die Praxis wurde in gewohnter Routine durch die flinken Hände von Lorand und Miriam in knapp 2 Stunden in einem vorher leer geräumten Mehrzwecksaal einer freikirchlichen Gemeinde funktionsbereit installiert und ausgestattet.

Angestoßen wurde das Projekt ursprünglich von „ORA International Österreich“. Dieses Hilfswerk sorgt auch für allgemeinärztliche Einsätze in diesem Gebiet. Der zahnärztliche Einsatz war konkret möglich durch das know how von „Zahnärzte ohne Grenzen“ (DWLF).

Waren die ersten beiden Einsätze bei den Behandlern noch mit dem Gefühl behaftet, es handle sich hier um ein Fass ohne Boden, reifte bei den Einsätzen 3 und 4 der Eindruck, dass die Arbeit Ziel führend ist in dem Sinne, dass Patienten systematisch und dauerhaft zahnärztlich saniert werden können. Doch das brauchte Zeit und mehrere Einsätze, waren aber dadurch möglich, dass im Vorjahr anbehandelte Patienten wieder erschienen sind.

Die Patienten sind mittellose Roma aus den umliegenden Dörfern, die durch die Initiative des Pastors Eduard Rudolf mit Hilfsgütern ausgestattet und zu einer systematischeren Lebensführung angeleitet werden, als dies bei Roma normaler Weise üblich ist. Das bedeutet: sie gehen in die Schule und bilden sich fort –manche erst im 3. Lebensjahrzehnt und verdienen in Folge dessen dann auch Geld.

Erschwert wurde unsere Arbeit dadurch, dass beim aktuellen Einsatz scheinbar alle Dämme gebrochen sind, was die Anzahl der Patienten betrifft. Hatten wir 2010 bis 2012 zwischen 20 und 30 Patienten behandelt, waren es diesmal exakt 60. Unsere Tätigkeit hat sich dort inzwischen herumgesprochen und daher wollten viele in den Genuss einer kostenfreien Zahnfürsorge kommen. Dafür saßen die Patienten teilweise 8 Stunden im Wartezimmer, bis sie an der Reihe waren. Auf diese Art und Weise wurden etliche Patienten nur gering anbehandelt und müssen beim nächsten Termin, der für Frühling 2014 ins Visier genommen ist, weiter behandelt werden.

Trotzdem lesen sich die Werte ermutigend: Es wurden 24 Patienten behandelt, die schon früher vorstellig waren. Davon sind jetzt 22 Personen konservierend und chirurgisch total saniert. Außerdem stellten sich 36 (!) neue Patienten ein, von denen wir immerhin 13 zu Ende behandeln konnten. Auf 23 dieser Neupatienten warten im nächsten Jahr allerdings noch – teilweise umfangreiche – Behandlungen.

In den 9 Behandlungstagen legten wir das Hauptaugenmerk auf die Rettung von Zähnen. So wurden 264 Füllungen gelegt. Darüber hinaus wurden im Zuge der chirurgischen Sanierungen 7 Zähne extrahiert und 62 abgebrochene Zahnwurzeln/Wurzelreste entfernt, zum Teil im Rahmen ausgedehnter chirurgischer Eingriffe. 15 Zähne konnten durch Wurzelfüllungen gerettet werden. Bei 5 Patienten laufen prothetische Maßnahmen, die wir 2014 zu vollenden hoffen. Hier handelt es sich um Patienten im 3. Lebensjahrzehnt, die teilweise nur noch 3 Zähne pro Kiefer besitzen. Hier muss die Unterstützung durch den Zahntechnikermeister Oliver Dumstrey aus Kemmern bei Bamberg hervorgehoben werden, der den entsprechenden Zahnersatz kostenlos herstellt.

Ausblick für die Zukunft: unsere Behandlungszeit sollte durch einen effektiveren Bestellmodus zu noch systematischeren Ergebnissen geführt werden. Es hat wenig Sinn, alle Bewohner des Tales im Gießkannenprinzip zahnmedizinisch zu beglücken nach dem Motto: wer am schnellsten zur Tür reinkommt, wird behandelt. Über ein wirkungsvolles Bestellsystem für die Zukunft haben wir uns bereits Gedanken gemacht.

An Rumänien fällt auf, mit wie wenig Regulierung, Normen, Kontrollen, Vorschriften usw. im Vergleich zu Deutschland das Leben trotzdem gelebt werden kann – auf jeden Fall mit weniger Stress. Es stellt sich die Frage, ob wir in Deutschland einen Teil unserer Freiheit nicht längst an die Diktatur der Bürokratie verloren haben. Natürlich blasen sich auch in Rumänien viele Offizielle auf. Aber: In Rumänien gibt es   für alle Fragestellungen eine offizielle und eine inoffizielle Lösung. Bei der offiziellen Lösung bleibt die Problemlösung allerdings meistens schon in den Ansätzen stecken. Aber irgendwie kriegen die Leute dort trotzdem das meiste so hin, dass es irgendwie passt. Nennen wir es inoffizielle Lösung. Deutsche Gründlichkeit, Präzision, Zuverlässigkeit und Qualitätskontrolle jedenfalls ist anscheinend einzigartig auf diesem Erdball. Ob derartige Werte und Maßstäbe auch einen absoluten Anspruch für den Rest der Welt darstellen können, sei dahingestellt.

Als praktische Hilfe für den Alltag kann ich jedenfalls wieder einmal aus diesem Einsatz mitnehmen, dass

  1. ab und zu weniger mehr ist und
  2. Glück und Unglück nicht an materielle Dinge gebunden sind.

Dr. Joachim Rückert

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