13. Einsatz und trotzdem erfolgreich!
Bericht über den Einsatz vom 21.03. bis 04.04.2015

Den Bus erneut bis unters Dach gefüllt (Rollatoren, Tischkreissäge, den gewarteten Generator, Kinderwagen, Kleidung und vor allem zwei große Kisten mit heiß ersehnten Hygieneartikeln wie Tampons, Binden, Seife, Deo, Hautcreme etc.. Nach 2 Tagen Fahrt kamen Sandu, mein Assistent und ich wohlbehalten in Luncani an. Es war schön, nach den langen Wintermonaten endlich wieder alle begrüßen zu können.

Wieder war das Zimmer, welches für die Behandlungen vorgesehen ist, prima präpariert und nach 2 Stunden Vorbereitung am Montagmorgen konnte der erste Patient Platz nehmen.

In letzter Zeit ist die konservierend-chirurgische Komplettsanierung jedes einzelnen Patienten mein angestrebtes Behandlungsziel. Patienten, die zahlreiche “Baustellen” aufweisen, werden für den nächsten Tag erneut einbestellt. Aber die meisten sind “Hart im Nehmen” und so kommt es auch vor, dass jemand ausdrücklich mehrere Füllungen sowie etliche Extraktionen in einer Sitzung wünscht.

Immer wieder kommen auch Zahnarztneulinge aus den benachbarten Dörfern, die zu arm sind, um sich eine einfache Extraktion leisten zu können. Sie sind angenehm überrascht von der schmerzarmen professionellen Behandlung, das genaue Gegenteil zu den Horrorgeschichten, die über Zahnbehandlungen im Allgemeinen kursieren.

Die Jugendlichen der Romasiedlung ICAR sind mittlerweile vorbildlich versorgt und erfahren meist nur noch Prophylaxebehandlungen. Ihr guter Zahnzustand wird bereits in der Schule diskutiert, da auch Mitschülern und Lehrern aufgefallen ist, dass sie von allen Schülern die besten Zähne haben, egal ob diese aus rumänischen oder Roma-Familien stammen.

Deshalb plane ich, im Herbst die etwa 10 Familien, die an der Müllrampe von Câmpia Turzii leben, zu einer Behandlung nach Luncani einzuladen und so den Kreis der regelmäßig betreuten Patienten zu erweitern.

Insgesamt fanden in 4 Tagen 66 Behandlungen statt, bei denen 58 Zähne extrahiert werden mussten. 66 Zähne konnten durch Füllungstherapie erhalten werden. Bei der Hälfte der Patienten wurde, zum Teil massiver Zahnstein entfernt. Versieglungen, Behandlungen überempfindlicher Zahnhälse sowie Zahnputzempfehlungen rundeten das Programm ab.

Wie selbstverständlich tauchte auch ein Mann bei mir auf, der einen Holzsplitter im Finger hatte. Diesen hatte er sich vorm Haus bei Verladearbeiten zugezogen und seine Kollegen hatten ihn sofort zur “Doctorița” geschickt. Kein Problem: sterile Kanüle, Pinzette, ein wenig Alkohol und ein Pflaster, schon konnte er weiter arbeiten.

Dann musste alles für den nächsten Einsatzort verpackt werden, denn diesmal stand auch wieder der Besuch des Behindertenheimes von Bădăcin auf dem Plan. Bădăcin befindet sich nördlich von Cluj und ist, je nach Verkehrslage, in etwa 4 Stunden Autofahrt zu erreichen. Die Reisegeschwindigkeit auf rumänischen Landstraßen beträgt etwa 45 km/h, was nicht den, meist im passablen Zustand befindlichen Straßen geschuldet ist, sondern zahlreichen Langdörfern mit Radarfallen, einem oft unübersichtlichen Straßenbild (Fußgänger, Radfahrer, Tiere, Pferdewagen) und sehr risikobereiten Autofahrern. Nicht immer endet dieses aggressive Fahrverhalten glimpflich, was die auffällig zahlreichen Kreuze an den Straßenrändern deutlich zum Ausdruck bringen.

Wir jedenfalls kamen wohlbehalten im Heim an, wo wir von Franzi, Alfred, Rainer und Frau Schneider begrüßt wurden. Sie waren eigens aus Deutschland angereist, um den Transport der Patienten in das 5km entfernte Șimleu Silvaniei zu unterstützen, wo sich die Praxis befindet, die uns zur Verfügung gestellt wird. Auch wollten sie darauf achten, dass auch schwächere Bewohner (mit stärkeren geistig- oder körperlichen Beeinträchtigungen) zur Behandlung kommen können. Die Heimleitung erstellt jedes Mal diverse Listen, auf denen die geplanten Patienten stehen. Ich halte diese Methode allerdings für unzulänglich, denn die Patienten werden augenscheinlich nur danach gefragt, ob sie Probleme haben. Zu einem Besuch aus Gründen der Vorsorge wird nicht ausdrücklich geraten. Sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass der Vorteil einer Kontrolluntersuchung bei den Mitarbeitern selbst noch nicht in den Köpfen verankert ist. Ein Teil der Bewohner ist außerdem nicht fähig, sich zu dieser Thematik zu äußern. Ich würde es begrüßen, wenn nach und nach wieder alle Bewohner, eventuell nach Wohnhäusern geordnet, zur Behandlung gebracht werden würden.

Unterstützt wurden wir am ersten Tag von Alex, einem rumänischen Kollegen aus Bistrița, mit dem ich mich bei den Behandlungen abwechselte.

Das war sehr erleichternd, denn an diesem Tag kamen 36, zum Teil schwer beeinträchtigte Patienten. In 25 Berufsjahren habe ich noch nie einen Kanülenschaftbruch während einer Anästhesie im Mund eines Patienten erlebt, weil dieser sich plötzlich vehement zur Wehr setzte. Glücklicherweise reagierte Alex nach einer Sekunde des Entsetzen sofort und fischte die Nadel aus der Mundhöhle des unverletzten Patienten.

Während Alex sich am Abend auf den Heimweg machte, entspannten wir alle gemeinsam bei einer Partie UNO und einem Feierabendbier.

Am nächsten Tag waren uns “laut Liste” nur 7 Patienten angekündigt worden. Franzi und Co konnten bei Rundgängen über das Gelände noch 8 weitere Bewohner “einsammeln” , die “Lust” auf einen Zahnarztbesuch hatten und bei denen Behandlungsbedarf bestand. Das unterstreicht noch einmal, wie wichtig eine gute Organisation in Bezug auf den Zahnarzteinsatz und den Patiententransport in die Praxis ist.

Insgesamt wurden wiederum mehr Zähne repariert (29 Füllungen) als gezogen (26 Zähne) und bei weit mehr als der Hälfte der 51 Patienten wurde Zahnstein entfernt. Alle Patienten erhielten erneut eine Zahnbürste und Zahncreme.

Nach diesen anstrengenden Tagen fuhren wir über den verschneiten! Prisloppass und die Bukowina nach Piatra Fântânele, um einen früheren Einsatzort (bei der Organisation: Tășuleasa social) zu besuchen. Auf dem Rückweg hatten wir die Gelegenheit, die neue Zahnarztpraxis von Alex und Mariana in Bistrița zu besichtigen und mit ihnen gemeinsam zu Abend zu essen. Freundlicherweise lud uns Mariana zu sich nach Hause ein, wo wir übernachten konnten. Ein schönes internationales, kollegiales und unkompliziertes Miteinander!

In Luncani hieß es dann wieder erneut auspacken, sortieren, Notizen erstellen, welche Materialien aufgefüllt werden müssen und und und.

Schön war es, am Abend mit den Jugendlichen von ICAR zu erzählen, zu spielen, einfach beieinander zu sein.

Am Ostersamstag, morgens um 4.30 Uhr verließ ich Luncani, mit einem 12kg Käse, einem halben Lamm im Gepäck sowie diversen Flaschen hausgemachtem Sonnenblumenöl. Nach 18 Stunden Autofahrt und 1550km mehr auf dem Tacho, kam ich totmüde zu Hause an. Dank des großzügigen Geschenks konnte ich am Ostersonntag meiner Familie doch noch ein Festmahl bereiten! Mulțumesc tare!

Annette Kirchner Schröder

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