Vom 22.03. bis 02.04.2015 führten wir – wie jedes Jahr – einen zahnärztlichen Einsatz in Siebenbürgen durch.

„Wir“ bedeutet: Dr. Joachim Rückert als behandelnder Zahnarzt, Miriam Röder als zahnärztliche Fachangestellte und Noemi Eifler wie Matthias Rückert als Logistikpartner – wie immer unter dem Dach von DWLF (Zahnärzte ohne Grenzen) und der Johanniter (Ortsgruppe Lauf a.d. Pegnitz).

Das Sprechstundenzimmer mit Stuhl und Black Box

Zunächst sah es so aus, als würde das ganze Vorhaben ins Wasser fallen, weil sich 10 Tage vor Abfahrtstermin Lorand Szüszner, Spriritus rector und guter Geist der Rumänienhilfe bei einem häuslichen Unfall schwer verletzte und samt gewohntem Equipement (Transporter und zahnärztliche Behandlungseinheit) auch als Fahrer nicht zur Verfügung stand. Aber durch den Erwerb einer transportablen Behandlungseinheit („Black box“) bei der IDS Köln (Dentalmesse) von einem Anbieter aus Korea gelang es, neue Möglichkeiten für den Hilfseinsatz zu eröffnen. Letztlich wurde die Aktion dadurch möglich, weil sich Noemi Eifler und Matthias Rückert bereit erklärten, unseren privaten VW Sharan bestückt mit der gesamten Dentaleinrichtung nach Rumänien und zurück zu bringen. Für die Behandler existierten nämlich bereits nicht stornierbare Flüge.

Transport des Stuhles.

 So landete der gesamte Tross – inzwischen noch ergänzt durch einen Leihwagen- nach 2-tägiger Anreise im Einsatzgebiet nahe Schäßburg (Sighisoara). Vorher hatte Miriam Röder in der Praxis fleißig und umsichtig viele benötigte Instrumente und Materialien bereit gestellt und verpackt. Etliche Instrumente und vor allem der Behandlungsstuhl wurden aus dem Depot von Lorand Szüszner hinzugefügt – ebenso wie üppige Spenden der Dentalindustrie. Zu nennen sind hier die Firmen Gebr. Brasseler GmbH & Co.KG (rotierende Instrumente), Ivoclar Vivadent GmbH (Füllungsmaterialien) und GABA Deutschland (Zahnpflegeprodukte).

Vor Ort wurde der Einsatz von Theo Halmen, Kirchenmusikdirektor in Schäßburg gecoacht. Er besitzt in Vulcan (Wolkendorf) einen Bauernhof und hat daher gute Kontakte zu den etwa 100 Bewohnern des Dorfes. Von diesen Leuten hatten wohl weniger als 10 bis zum Oktober 2014 (damals führte ein Kollege den ersten Einsatz dort durch) eine Zahnarztpraxis von innen gesehen. Immerhin kam im Verlauf der 6 Behandlungstage fast die Hälfte der Einwohner, nämlich 44 verschiedene Patienten in die Praxis. So konnten wir in 58 Konsultationen 136 Füllungen legen und weiterhin 58 Zähne durch Versiegelungen vor dem Verfall retten. 51 mussten entfernt werden, meistens als Wurzelreste auf Zahnfleischniveau abgebrochen. 5 Personen konnten konservierend/chirurgisch vollständig saniert werden – bei den anderen wartet noch viel Arbeit auf den Behandler.

Eine rumänische Rübe im Vergleich zu einer deutschen.

Die neue Blackbox erwies sich als sehr belastungsfähig und arbeitete ohne jeglichen Zwischenfall 8 Stunden am Tag – keine Überhitzung, kein Aussetzer.

Die Gegebenheiten unseres Behandlungsraumes waren geprägt von rumänischer Improvisations-kunst: Der Strom kam über ein Kabel aus dem Keller – es ist seit 2 Jahren niemand dafür zuständig, einen Stromzähler für das EG zu beantragen. Es gibt zwar ein schönes Waschbecken mit Wasserhahn, aber das Wasser kommt aus einem Zinkbehälter, der an die Wand gedübelt ist. Um den Strom, das Wasser, das Nachfeuern im Holzofen, aber auch um Kaffee und Kuchen kümmerten sich 2 freundliche Nachbarsfrauen.

Sichtlicher Verfall der Dörfer.

Rumänien ist zwar Mitglied der EU – dennoch ist anzunehmen, dass die meisten Deutschen dort nicht gut zurecht kämen. Anfahrt über Schlaglochpisten; verfallende sächsische Dörfer; stressarme Lebenseinstellung; wenig getaktete Zeitvorgaben usw. Die einzelnen Leute waren allerdings sehr freundlich, sehr dankbar und auch sehr belastbar. Da führt man beispielsweise ab 18 Uhr 1 Stunde lang einen komplizierten chirurgischen Eingriff zur Entfernung von 3 Zähnen durch und am nächsten Mittag steht die 45-jährige Patientin zur Entfernung der nächsten 8 Zähne in der Tür – in Deutschland eher unvorstellbar.

So haben wir wieder unsere alljährliche persönliche Erdung erfahren, die einen hellhörig dafür macht, sich nicht in bundesrepublikanischen hochkarätigen Problemen zu verstricken.

Mein Dank gilt allen, die diesen Einsatz ermöglicht haben und tatkräftig mit angepackt haben.

Dr. Joachim Rückert

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