von Dr. Annette Kirchner-Schröder

Unde este primăvara – Wo ist der Frühling?

Um es voraus zu schicken, kalt wars – und wie kalt und Schnee gab es, wie noch nie beim Frühjahrseinsatz…

Am 20.3.2013 ging es los, wieder mit voll gepacktem Bus, so dass der Rückspiegel eigentlich nicht zu gebrauchen war. Im Gepäck befanden sich neben den üblichen Kleidungskisten auch ein hochwertiger Generator, eine Kettensäge, diverse Werkzeugkisten, ein Rollator, Fußbälle, ein Kinderbett sowie ein neues Etagenbett. Begleitet wurde ich von Alexandru Pop (Sandu), einem Bewohner von Luncani, der einige Tage vorher, zu uns zu Besuch gekommen war. Nach einer Übernachtung in Ungarn kamen wir wohlbehalten nach 1550km in Luncani an, wo schon fleißige Helfer zum Entladen des Busses auf uns warteten.

Erst danach konnte ich durchatmen und Gastfreundschaft, Essen, Bier und Țuica in Ruhe genießen. Und das erste Mal nach vielen unruhigen Nächten schlief ich tief und traumlos. Der erste Teil meiner Mission war erfüllt.

Leider konnte meine Kollegin Anne nicht anreisen, weil ihr Flug in Folge des LH-Streiks gestrichen wurde. So machten Sandu und ich uns am nächsten Morgen allein an die Arbeit. Die mobile Einheit funktionierte problemlos und nach 26 Patienten, 13 Stunden Arbeit, unterbrochen von zwei kleinen Essenspausen, legten wir die Instrumente aus der Hand.

Am anderen Morgen verhinderte eine “Voltaren” meinen Totalausfall. Mit Hilfe dieser kleinen Medikation war ich jedoch wieder fit und bereit für einen erneuten Marathontag. Leider hatte die Einheit etwas dagegen und behinderte uns durch zeitweiligen Motorausfall. Ein neues rumänisches Wort für mich heisst: Magician=Zauberer, denn ein solcher ist Sandu. Durch viel Geduld und Karbonspray brachte er die Einheit wieder zum Laufen und bis zum Abend hatten wir weitere 18 Patienten komplett saniert.

Mittlerweile fühle ich mich in Luncani wie zu Hause. Ich weiß, wo die Teller stehen, die Löffel liegen und auch, wo man Toilettenpapier holt, falls es mal auf den zwei vorhandenen Örtchen ausgegangen sein sollte. Die Abende haben wir mit “Mensch ärgere Dich nicht” und Billiardspielen verbracht.

Der Sonntag war “arbeitsfrei”. Ich fuhr nach Cluj, um meine Kollegin Claudia (Jena) und Michaela, eine Physiotherapeutin aus der Nähe Berlins, vom Flughafen abzuholen. Alles klappte perfekt, denn auch um diese Flüge hatten wir auf Grund der ungewöhnlich langen “Eis- und Schneeperiode” gebangt. Am Nachmittag besuchten wir das Romaprojekt “ICAR”. Über den Winter waren keine baulichen Veränderungen vor sich gegangen, aber vor allem für Michaela war der Besuch dieses Projektes Neuland. Sie hatte von Deutschland Babynahrung mitgebracht, die wir einer Mutter von 6 Kindern für ihr 5 Monate altes Baby überreichen konnten.

Am Montag wollten wir noch einmal richtig “ranklotzen”. Bei Michaela gelang es, denn sie konnte 10 Patienten behandeln, ihnen einige Übungen zur Selbsthilfe zeigen und auch uns Zahnärztinnen am Abend die müden Muskeln massieren. Claudia und ich hingegen kämpften wieder mit unserer Einheit, die dann pünklich zum Mittagessen endgültig ihren Geist aufgab. Danach waren nur noch Extraktionen möglich. Insgesamt behandelten wir in diesen 3 Tagen 62 Personen. Der Trend des letzten Einsatzes manifestierte sich, so dass auch diesmal die Füllungen gegenüber den Extraktionen überwogen (71 Füllungen, 62 Extraktionen). 1/3 der Patienten bekam eine Zahnreinigung, 3 Wurzelbehandlungen wurden durchgeführt, bei denen ich dieses Mal auf eine elektrometrische Längenbestimmung und den Einsatz eines Flexmasters zurückgreifen konnte. Somit ergibt sich eine positivere Prognose einer endodontischen Behandlung auch ohne Röntgenbild. Versieglungen, Mundbehandlungen, Behandlungen überempfindlicher Zahnhälse sowie Mundhygieneinstruktionen, mittlerweile in einem einigermaßen passablen Rumänisch, erweiterten das Behandlungsspektrum. Noch einmal versicherte uns Gerhard Spitzer, der Projektleiter, dass er seit unseren Einsatzen fast nie Antibiotika und Schmerzmittel auf Grund dentaler Probleme ausgeben muss.

Am Dienstag nahmen wir schweren Herzens Abschied von der familiären Atmosphäre, die in Luncani zu spüren ist, nicht ohne den Vorabend bei fröhlichem Gesang, Gitarrensolos, Tänzen, viel Gelächter und ausreichend Wein verbracht zu haben.

Auf dem Weg nach Bădăcin besuchten wir die Saline von Turda. Aus dem klapprigen Fahrstuhl und den kahlen hohen Salzabbaugewölben meiner Erinnerung von vor über 25 Jahren sind ein gläserner Lift und mehrere Lustbarkeiten unter Tage (Riesenrad, Kegelbahn, Minigolf, Tischtennis, Spielplatz mit Sandkasten, Boot fahren auf dem Salzsee) geworden.

Ziemlich beeindruckend!

In Bădăcin angekommen wurden wir wie immer begeistert empfangen. Wenn die Bewohner einen dort ins Herz geschlossen haben, ist es egal, wen man mitbringt. In ihren Augen können das einfach nur Freunde sein. Es waren keine 10 Minuten vergangen und ich hatte bereits 5 Paar Socken gekauft. Diesem Ansturm kann man einfach nicht widerstehen. Auf unserem 3-Bettzimmer dem Trubel vorerst entronnen, brachte ich meinen 2 Begleiterinnen umgehend die Sätze: Nu am bani! (Ich habe kein Geld!) und Lasă mă în pace! (Lass mich in Ruhe!) bei. Ohne diese Abgrenzung hätten wir wohl 50 Paar Strümpfe und 20 Ikonen erstanden. Wir wollen ja für die nachfolgenden Besucher auch noch etwas übrig lassen :) !

Am darauf folgenden Morgen begannen wir mit unserer Arbeit in der Zahnarztpraxis des Nachbarortes. Uns standen Mariana, Alex (rumänische Zahnärzte) und ihre Helferin Anka zur Seite. Gemeinsam versorgten wir am ersten Tag 42 Patienten. Mittlerweile sind wir mit den meisten unserer Patienten so vertraut, dass die Behandlung oft recht problemlos erfolgen kann. Am zweiten Arbeitstag (ohne Alex und Anka) konnten wir noch 21 Konsultationen bewältigen. Einige dieser Patienten erforderten einfach mehr Zeit, Geduld und Liebe, bevor sie sich in unsere Hände begaben. Auch in Bădăcin hat sich das Verhältnis Zahnerhaltung/Zahnentfernung zugunsten der Füllungstherapie gewandelt. Wir konnten 51 Zähne konservierend versorgen. 49 Zähne mussten entfernt werden, aber die Reihenextraktionen der ersten Einsätze scheinen nunmehr der Vergangenheit anzugehören. Bei der Hälfte der Patienten konnte der Zahnstein entfernt werden. 4 Zähne erhielten wir durch Wurzelbehandlungen. Auch Mundbehandlungen und die Versorgung sensibler Zahnhälse waren möglich. Der dentale Zustand der Patienten ist momentan als weitgehend positiv einzuschätzen, so dass ich erst im Frühjahr 2014 erneut nach Bădăcin zurückkehren möchte.

Meine rumänischen Kollegen Mariana und Alex aus Bistrița haben versprochen, einen Herbsteinsatz für die Bewohner selbständig zu organisieren. Darüber freue ich mich sehr! Mein großer Dank gebührt Franzi und Jenny, die den Transport der Patienten zur Praxis erneut mit großer Umsicht erledigten.

Auch Michaela fand im Heim ein großes Arbeitsfeld. Unterstützt durch Anneliese Schneider als Dolmetscherin konnte sie ca. 40 Patienten behandeln. Wie sie begeistert berichtete, entspannten einige Bewohner unter ihren Händen total. Bei anderen Bewohnern bedarf es wohl mehrmaliger Begegnungen, um ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen zu können. Michaela hat signalisiert, sich einmal jährlich vor Ort zu engagieren.

Den letzten Abend verbrachten wir in einem Clujer Hotel. Wir waren zu müde, um uns in der Altstadt unter die Leute zu mischen. Dafür brachte uns Claudia das Kartenspiel RAGE bei. Es machte Spaß, aber wirklich in Rage konnte uns nichts mehr bringen. Wir waren zu voll an Bildern und Begegnungen, zufrieden mit dem Erreichten – einfach glücklich!

Nachdem ich meine Mitstreiterinnen am frühen Morgen am Flughafen abgesetzt hatte, begann ich mit dem ersten der 1500 Kilometer Richtung Heimat…

Ich danke vor allem:

  • Claudia und Michaela für die tolle gemeinsame Arbeit, ihre  Unkompliziertheit, Anpassungsfähigkeit, ihre Ausdauer und ihren Humor
     
  • Mariana, Alex und Anka für die Unterstützung in Bădăcin
     
  • Franzi, Jenny und Anneliese, ohne die wir in B. nicht so erfolgreich hätten arbeiten können
     
  • Sandu für die Begleitung auf der Hinfahrt, seine Gelassenheit, seine  Superassistenz und seine magischen Hände bei technischen Problemen
     
  • den Firmen VOCO und Henry Schein für die Materialspenden
     
  • der Apotheke in Rodenbach für Medikamente und Zahnbürsten
     
  • der ARGE Jugendzahnpflege in Kaiserslautern für Bürsten und Becher
     
  • der Firma “Werkzeug-Schmidt” Kaiserslautern für die Hilfe bei der Beschaffung von Generator und Kettensäge
     
  • der Kirchengemeinde in Rehau für die Übernahme der Fahrtkosten
     
  • der Firma Metis-Dental, die mir die letzte mobile Einheit problemlos austauschte und auch die jetzigen Probleme unkompliziert lösen möchte
     
  • meiner Freundin und Kollegin Michaela, die mir den Flexmaster mit notwendigem Zubehör spendete
     
  • den pfälzischen Kollegen, die meinen Instrumentenvorrat durch Sachspenden vervollständigten
     
  • meinen Bekannten, Nachbarn und Freunden für die Abgabe von vielen Kilogrammen an Kleidung, Küchenutensilien, Bettwäsche, Werkzeugen, Rollator und Gehhilfen
     
  • meinen Mitarbeiterinnen für das Einschweißen aller Instrumente und die Erfüllung meiner Extrawünsche
     
  • meiner Familie für die Geduld bei der oftmals aufwändigen Reisevorbereitung und die Alltagsorganisation während meiner Abwesenheit

Allen Menschen, die in irgendeiner Weise mit diesem Einsatz verbunden waren ein herzliches MULȚUMESC FRUMOS!!!

Annette Kirchner-Schröder

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