von Petra Graff (E-Mail: petra [at] zahnarzt-graff.de)

Petra Graff in Sambia

Ich saß im März diesen Jahres im Flugzeug nach Sambia voller positiver Erwartungen, Freude und den Erfahrungen aus Ecuador und Indien im Koffer und im Herz- nichts ahnend, was mich in Sambia wirklich erwartet. 

Graff-Pokorny 13 9In der Realität angekommen erwartete mich eine eher große, dem Schicksal ergebene Zurückhaltung der Menschen.

Auch in Ecuador und Indien ist es sicher nicht rosig, es sind auch hilfsbedürftige Zustände dort aber in Sambia wird offensichtlich die demütige Haltung, die Unterwerfung und das Gegenteil von Lebensfreude von Generation zu Generation weitervererbt.

Graff-Pokorny Sambia 13 5Mein Gefühl, hier wirklich etwas bewegen zu können, hat sich somit auf jeden Fall bestätigt.

Letztendlich bleibt mir natürlich ein ausgesprochen befriedigendes Gefühl zumindest einen kleinen Beitrag an Hilfe geleistet zu haben und die doch immer wieder auftauchenden neugierigen und dankbaren Kinderaugen lassen die negativen Eindrücke mehr und mehr verblassen.

Ich bin dankbar für die Erfahrungen und kann jedem nur empfehlen, trotz aller Widrigkeiten HILFE zu leisten, egal in welcher Form.

Nach diesem ersten Eindruck folgt nun mein ‚Bericht’ über meinen Einsatz in Sambia.

Ich haben meinen Erinnerungen ‚freien Lauf’ gelassen, um mit viel Herz und auch teilweise großen Gedankensprüngen meinen Einsatz in Sambia zu beschreiben.

Nach einem 14stündigen Flug mit Emirates von Frankfurt über Dubai nach Lusaka (Hauptstadt von Sambia) werde ich von Herman Striedl am Flughafen abgeholt.

Am nächsten Tag kommen auch noch der Zahnarzt Franz Pokorny und die Med. Assistentin Carina, die beide schon ihren 2. Einsatz in Sambia haben. Mit dabei ist auch Carinas Sohn Luca, ein Zahntechniker-Azubi.

Herman Striedl ist der Einsatzleiter von Zahnärzte ohne Grenzen und der Besitzer vom Sandy-Beach-Resort am Kariba-Stau-See. Er ist vor 30 Jahren nach Sambia ausgewandert und hat sich seinen Traum von einer Zahnklinik hier verwirklicht. Weitere Klinikeröffnungen und auch die Entstehung diverser Kinderheime sind ihm zu verdanken.

Gemeinsam und auch mit meinem 30kg Gepäck (inkl. der zahlreichen Zahnputzutensilien von Oral-B, Sunstar Butler und Kanidenta gesponsert) geht es in Hermans Auto in einer teilweise doch sehr beschwerlichen gut 3 1/2stündigen Fahrt zur Sandy-Beach-Lodge am Kariba-See. Belohnt werden wir von der tollen Lage der Lodge und der freundlichen Begrüßung durch die Angestellten.

Der Kariba Damm staut den Sambesifluss, ist 280km lang und 32km breit. Eine Besichtigung der 128 m hohen Staumauer ist unbedingt empfehlenswert. Über die Staumauer führt eine Straße, die Sambia und Simbawe verbindet.

Herman Striedl unterstützt als Einsatzleiter Zahnärzte ohne Grenzen zusätzlich, indem er günstig Unterkunft und Verpflegung ermöglicht. Die Zimmer sind wirklich wunderschön und er gibt ein unglaubliches Wohlgefühl an die Besucher weiter. Dieses Wohlgefühl nehmen wir mit in unsere erste Nacht, zusammen mit der Aufregung und der zugegebenen Angespanntheit auf den ersten Einsatztag.

In dem von Herman Striedl zusätzlich geschaffenen kleinen Raum, in dem alle mitgebrachten Zahnarzt-Artikel verstaut werden können, machen wir eine erste Bestandsaufnahme und packen unsere Kisten, für das bevorstehende Outreach (so nennt man den Einsatz außerhalb der Klinik). Alles wurde beschriftet und die Instrumente in einem Dampfsterilisator sterilisiert.

Herman hat uns in der Klinik angekündigt und wir werden schon von einer freudigen Muja, der Dental Therapist, Joyce, der angehende Assistenz, und vieler Patienten in der Klinik empfangen. Danach geht es auch sofort los. Muja hat gut organisiert.

Ich bekomme gut sortierte Kuretten / Scaler und –oh Freude, ein Ultrasonic.

Mit Muja und Joyce habe ich mich gleich sehr gut verstanden, wir haben viel Spaß und lachen sehr viel.

Sie schauen mir bei meinen PZR’s zu und ich staune über Mujas Fähigkeiten, Zähne zu extrahieren- wirklich sehr beeindruckend. Sie gehen sehr freundlich und behutsam mit Ihren Patienten um. Joyce, die angehende Assistenz, ist sehr wissbegierig. Also unterstützte ich sie, indem ich ihr zeige, was man als Assistenz alles beachten sollte. Wichtig: die Hygiene. Am nächsten Arbeitstag strahlen die beiden Behandlungszimmer förmlich vor Sauberkeit- und Joyce nach meinem überschwänglichen Lob ebenso!

Problematisch in der Klinik sind die teilweise schlechten Zustände der Behandlungsstühle. Fehlende Techniker und eine Gebrauchsanweisung in Chinesisch machen die Sache noch mehr zum Abenteuer.

Unter Anleitung zeigt Joyce meinen Patienten die richtige Putztechnik.

Ich habe zunächst immer ein seltsames Gefühl bei den Menschen- sehr zurückhaltend und skeptisch. Durch Joyce entspannt es sich. In ihrer Heimatsprache erklärt sie, und man kann ihr ansehen, wie sehr es ihr Spaß macht.

Für unsere Outreaches in Chipepo und Changa machen wir einen Plan- wir arbeiteten zusammen! Sie erklärt die Putztechnik, sie fragt die Leute, warum wir Zähne haben und was man damit alles machen kann. Dann teile ich die mitgebrachten Zahnbürsten aus und los geht’s. Am Brunnen spülen wir aus.

Nach ein paar ermahnenden und trotzdem aufmunternden Worten von Joyce werden die Menschen etwas ‚zutraulicher’ und ich freue mich sehr über die Lieder, die mir dann zum Dank gesungen werden. Manchmal fangen die Kinder auch noch an zu tanzen.

Ich hoffe, gerade jetzt kann jeder Leser spüren, wie groß und einzigartig die ‚Entlohnung’ durch ein gesungenes Lied für getane Arbeit sein kann!

Und hier auch gleich noch als kleiner (oder großer) Hinweis: Zahnbürsten kann man nicht genug mitbringen, es ist unglaublich, aus welchen Ecken noch überall Kinder kommen!

An Ostern haben wir frei und wir machen Ausflüge.

Zambesi Fluss mit Kanu. Es gibt viel zu sehen: Nilpferde, Affen und Krokodile. Den Erzählungen nach wurden allerdings wohl schon sehr viele Tiere aufgrund von Nahrungsmangel erschossen.

Zwei Tage machen wir einen Ausflug zum Lower Zambezi National Park in Muwa Camp Lodge- im Zelt. Sehr interessant aber leider auch sehr teuer. Aufregung und Abenteuer pur, als wir fast von einer Elefanten- und Buffaloherde überrannt werden. Abends gibt es zur Entspannung ein tolles Lagerfeuer.

Nach dem erlebnisreichen Ausflug hat uns die Arbeit wieder. Es geht nach Chirundo. Dort begrüßt uns Angela, eine Dental Therapist.

Ich habe gleich wieder voll zu tun und HURRA, auch hier gibt es ein Ultrasonic, mein Winkelstück funktioniert und ich kann sogar polieren.

Wie auch schon Muja in Siowonga hat Angela jetzt in Chirundo alles im Griff. Die Dental Therapist sind wirklich ausgesprochen spezialisiert auf das Extrahieren von Zähnen sowie auch natürlich auf die konservierende Behandlung. Ich bekomme wieder ein junges Mädchen zur Seite, die ich als Assistentin ausbilden soll. Sie ist Krankenschwester in der Klinik.

In der Klinik zeigt mir ein italienischer Chirurg das Opfer eines Krokodil-Angriffs.

Ich habe diesen Mann sehr bewundert, wie er mit seinen schweren Verletzungen umgeht. Es passieren immer wieder Krokodil-Angriffe. Meistens aber sind Frauen die Opfer. Zuerst laufen sie kilometerweit mit Wäsche und der halben Küche auf dem Kopf herum, mit Baby noch im Bauch und ein anderes auf dem Rücken. Die meisten Frauen müssen sehr viel und schwer arbeiten. Die Männer sind meist alkoholabhängig und aggressiv. Für sie gibt es keine Arbeit und somit keine Zukunftsperspektiven. ’Die sitzen im Schatten und müssen Entscheidungen treffen’- wird mir erzählt.

Die meisten Krokodil-Angriffe passieren also den Frauen am Fluss, beim Wäsche waschen. Ein Grund mehr, sowohl den Krokodilen als auch den Männern eher aus dem Weg zu gehen.

Auch sehr berührt hat mich der Besuch einer Mädchenschule, die auch durch die Bemühungen von Herman Striedl entstanden ist. Dort bekamen wir so tolle Gesänge zu hören, dass ich immer noch und schon beim kleinsten Gedanken daran, wieder eine Gänsehaut bekomme. Da wurde getanzt und wunderschön mit gigantischen Stimmen gesungen- wirklich schöne Stimmen, nicht wie bei ‚Deutschland sucht den Superstar’.

Doch auch hier spüre ich wieder deutlich, die mich immer wieder nachdenklich machende, große Zurückhaltung der Menschen.

Eine kleine witzige Anekdote will ich nicht vorenthalten:

Die Stiftung „Zahnärzte ohne Grenzen“ besitzt dort einen gespendeten Bus. Der Bus ist auch nicht mehr so ganz frisch und es kann durchaus passieren, dass mal während der Fahrt etwas abfällt. – mehr muss ich dazu wohl nicht sagen.

Ein Zahnarzt kann ja gut Löcher stopfen und eine gute Prophylaxe-Assistentin hat natürlich immer Zahnseide bei sich. Letztendlich konnte ein loses Teil dank der Fähigkeiten von Zahnarzt Franz und der Zahnseide von Sunstar Butler am Bus wieder fixiert und damit die Reise fortgesetzt werden.

Auch hier wieder der dezente Hinweis, immer gut vorbereitet sein, was auch immer geplant ist.

Auch für den Unterhalt des Busses wird um eine Spende gebeten.

Im Outreach Chipepo haben Franz und Carina 66 Zähne zu ziehen und ich bekomme eine ganze Horde süßer kleiner putzwütiger Schulkinder.

Die Lehrer sprechen nur Englisch mit den Kindern, somit habe ich es diesmal einfacher.

Obwohl mir auch wieder hier zu Beginn die große Skepsis aufgefallen ist, die Kinder hatten wohl größtenteils auch noch nie eine ’Weiße’ gesehen – macht es unglaublich viel Spaß und große Freude. Zum Abschluss und als Dank war wieder tanzen und singen angesagt, sogar die Nationalhymne können die Kinder vorsingen- sehr beeindruckend.

Ein weiteres beeindruckendes Erlebnis ist der ‚mobile Behandlungsstuhl’.

Mit dem Hausboot von Colin und Lorraine (zwei Auswanderer aus England) geht’s mit unseren gepackten Materialkisten und einem transportablen Zahnarztstuhl über den Kariba Stausee. Munyama liegt ca. 4 Std. entfernt.

Auf das Boot kommen die Patienten zum Zähneziehen, leider ist die glühende Hitze schwer zu ertragen für Behandelnde und Patienten.

In der letzten Woche fährt mich Herman nach Lusaka in die HIV-Klinik mit der Bitte, 5 junge Mädels fit zu machen, für die Ausbildung zur Assistentin.

Da ich mir zunächst wieder eher ’Furcht einflößend’ vorkomme, übergebe ich an meine Assistentin und versuche mich meinerseits in Zurückhaltung.

Mit großer Freude und sehr wissbegierig üben die Mädels dann doch mit mir in Rollenspielen Patient und Assistenz.

Wir besuchen noch gemeinsam ein Kinderheim und praktizieren Putz- und Mundhygiene. Wir erarbeiten gemeinsam einen ‚Ablaufplan’ für eine Behandlung: Lebensmittel gesund – ungesund etc.

Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welchem Einsatz und Spaß die Kinder das machen – das ist meine Welt bei den Kindern!

Nachdem sich das Klinikpersonal an meinen Anblick gewöhnt hat, kommen sie auch zahlreich zur PZR. Ohne Termin natürlich, ich hatte zwar zu Beginn versucht, Termine zu machen, habe mich aber eines Besseren belehren lassen – that’s Afrika!!!

Aus Interesse fahre ich noch mit den Ärzten erneut ins Outreach. Dort werden auch HIV–Patienten untersucht und bekommen ihre Medikamente.

Zu guter Letzt möchte ich noch folgendes loswerden:

Auf jeden Fall einen Gang runterschrauben, hohe Erwartungen zuhause lassen und in Geduld üben- dann kann man Großartiges leisten und bewirken. Das, was einem dann zurückgegeben wird, ist unbeschreiblich und unendlich befriedigend!

Ach ja – und wer (gerne auch barfuss) Fußball mit dem Kühen auf dem Feld spielt, der wird sicherlich zum Held von Afrika!!!

Kontakt:

Herman Striedl (E-Mail: siavongabeach [at] gmail.com)

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