von Anna Lena Gratzke (E-Mail: al.gratzke [at] web.de)

Hilfseinsatz in Namibia Nord, Juni 2016

Am sehr frühen Samstagmorgen, auf dem Flughafen von Windhoek, traf nun unser buntes Einsatzteam endlich aufeinander: Teamleiter ZA Dr. Lothar König, gerade so halbwegs in den verdienten Ruhestand gegangen, ZÄ Dr. Corinna Mioc, mit eigener Praxis und junger Familie und ZÄ Anna-Lena Gratzke, die noch relativ frisch im Beruf steht. Völlig unterschiedliche Lebensphasen, völlig unterschiedliche Charaktere und Vorstellungen aber uns war trotzdem einiges gemeinsam, wie die Leidenschaft zum Beruf, die Liebe zum Menschen, die Lust auf Abenteuer. Vor allem aber hatten wir drei absolut keine Ahnung was uns erwarten wird bei dem Einsatz.

Glücklicherweise haben wir den Rat von Dr. Stefan Rohr (Anm. der Red: DWLF-Vizepräsident und PME für Namibia) beherzigt und sind schon zwei Tage vor Arbeitsbeginn angekommen. So konnten wir den ersten Tag im fremden Land nutzen, um uns einzufühlen in die neue Welt. Raus aus der Stadt Windhoek, 250 km über die leere weite Landschaft zur Waterberg Lodge – ein Paradies im Nirgendwo. Himmelbett mit Blick auf roten Felsen, Kaffee und Bananenkuchen, Ruhe und Natur wohin man blickte. Mit der Ruhe war es allerdings augenblicklich vorbei, als wir beim abendlichen Game Drive fußläufig(!) auf zwei riesige Breitmaulnashörner trafen. Trotz großer Faszination und fast überschlagendem Puls, vertrauten wir unserem Ranger Benicius, der immerzu entspannt mit seinem Hut wedelte und mit seinem monotonen „all right“ die Nashorndamen, oder vielleicht auch eher uns, beruhigte. bild1Benicius erneut war dann auch am nächsten Morgen unser Premierenpatient. Die Terrasse unser Zimmer, die Sonne unsere Behandlungslampe und der Toyota Hilux unser Equipmentschrank – der Zahn hatte keine Chance.

Dieses „all right“ wurde dann noch der Leitspruch unserer kompletten Einsatzzeit. Wir lernten sehr schnell, dass nichts so läuft wie man das von zuhause gewohnt ist. Manches läuft halt anders, vieles langsamer und manches gar nicht ohne Improvisationstalent aber man darf nie seine Geduld, seine Euphorie oder seinen Humor verlieren.

Und so ging es weiter nach Grootfontein, unserem „Basecamp“ der nächsten zwei Wochen, wo wir von Max und Irmgard Beyer mehr als herzlich empfangen wurden. Nach einer kleinen Stadtbesichtigung, Kaffee und Grillabend brach dann allerdings am Montagmorgen doch etwas Hektik aus. Der Tag beginnt im Juni mit dem Sonnenaufgang 60:00 h, da waren wir schon dabei Extraktionszangen zu sortieren. Danach ging es zum Vorstellungsbesuch ins Statehospital Grootfontein, wo wir auf die kubanische Zahnärztin Yulie und  Dr. Ester Namwandi, Chief Dentist der Otjozondjupa Region, trafen. Außerdem versuchten wir uns dort auch schon gleich mit den tollen Frauen aus der Sterilisationsabteilung anzufreunden, die uns glücklicherweise allabendlich unser Sterilgut abnahmen.

Mit einiger Verspätung ging es endlich zur Maria Bronn Primary School, wo wir bereits erwartet wurde aber mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Erst gab es ein Wirrwarr aus europäischen, chinesischen und afrikanischen Stecker, dann ging das Wasser an der Einheit nicht und die Sauganlage schwächelte. Der Behandlungsstuhl hatte auch so seine Tücken und der Behandlerstuhl war eher ein halb abgeknicktes Stück Elend. Da uns aber 50 Paar ängstliche Kinderaugen erwartungsvoll anblickten, legten wir los. Am Ende des Tages hatten wir 40 Kinder behandelt und waren völlig erschöpf, komplett eingestaubt aber schwer überrascht von den tapferen kleinen Patienten, die in so einfachen Verhältnissen aufwachsen müssen.

Etwas frustriert vonbild2 unserer Fehlorganisation am Vortag wollten wir es am zweiten Tag in der Luipert Heuwel Primary School besser machen. Wir nahmen uns eine halbe Stunde Zeit, um in Ruhe unser Equipment aufzubauen, sodass wir unseren Behandlungsablauf mit zwei Behandlern und einem Springer sehr viel entspannter und effizienter gestalten konnten. Die kleinen Knirpse waren mutige Saugschlauchhalter und da ihr Englisch wirklich gut war, konnten wir glücklicherweise viel erklären, Zähneputzen trainieren und unseren Tag mit einer kleinen Fotosession abschließen.

An den folgenden Tagen ging es dann zur Wilhelm Nortier Primary School, zur Berg Aukas Primary School und zur Kalenga Primary School. Der Zahngesundheitszustand war unterschiedlich, manchmal gab es nur kleine okklusale Löcher, manchmal komplett zerstörte Milchzahnstraßen aber leider auch einige komplett zerstörte 6er.

bild3Das macht traurig. Auch, dass unsere Hilfe zwar nötig und gut ist aber leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleibt. Es gibt ein Gesundheitssystem in Namiba aber es ist unbegreiflich löchrig, denn die staatliche Zahnärztin in Grootfontain ist zwar da, aber hat fast nichts zu tun. Uns war das völlig unverständlich, denn wir konnten uns vor Arbeit kaum retten aber anscheinend ist es für die meisten Eltern einfach nicht organisierbar, die Kinder dort hinzubringen. Auch in den Schulen gibt es einfach so viele Kinder pro Lehrer, dass nicht auf jedes Individuum einzeln eingegangen werden kann. Es gibt noch so viele Kinder dort mit Zahnschmerzen und  die Notwendigkeit freiwilliger Helfer dort bleibt enorm groß.

bild4Dabei geben die Kinder so viel zurück. Bei der Behandlung noch eingeschüchtert und ängstlich blühen sie danach förmlich auf und können einen einfach nur mitreißen bei so viel Freude, Energie und Quirligkeit. 

Das Wochenende verbrachten wir zusammen mit Elefanten, Giraffen, Geparde, Antilopen und Zebras im Etosha Nationalpark bei gutem Essen, Wein, Sonne und vielen lustigen und ernsten Gesprächen.

In der zweiten Woche hieß es dann für uns “Abenteuer Bushmansland”. Nach langer Fahrt im Pistenstaub Richtung Osten erreichten wir unser erstes Ziel, die Mangetti Dune Clinic, welche seit 25 Jahren von der Schweizer Ärztin Dr. Boshardt geleitet wird. Trotzdem wir mit Plakaten und übers Radio angekündigt wurden, waren nur einige wenige Patienten gekommen, aber wenigstens diese könnten wir glücklich machen. Nachmittags fuhren wir weiter Richtung Tsumkwe Logde, unsere Bleibe für die nächste Woche. Es gab kein Internet, nur lauwarmes Wasser, aber dafür wurden wir bei offenem Kaminfeuer köstlich bewirtet. 

Am nächsten Tag ging es Richtung Grenze zu Botswana, nach Gam. Hier behandelten wir stolze Hererofrauen, kleine Bushmänner und einige wenige Kinder. Die Verständigung klappte irgendwie mit Händen und Füßen, trotzdem waren wir etwas überrascht von der Distanziertheit der Menschen dort, v.a. nach den überschwänglichen Kindern von letzter Woche.

Ein geschlachteter Elefant auf dem Nachbargrundstück war dann Attraktion für das ganze Dorf und für uns eine Situation zwischen Faszination und Verwunderung.

Die Tsumkwe Clinic selbst war dann am Mittwoch dran. Die beiden Pfleger hier waren resolut, großartig, herzlich und hilfsbereit. Hier gab es keinen Arzt aber die beiden hatten alles perfekt im Griff, sieben Tage die Woche. Ein Spaziergang durchs Dorf brachte uns einen Einblick in das Leben der Bewohner, welches so völlig anders war zu unserem Leben zu Hause. Alles war sehr einfach, staubig und improvisiert aber trotzdem irgendwie aufgeräumt. Klamottenshops in Wellblechhütten, Lehmhäusern, Tankstellen und Getränkemärkte, Rinder die frei durch die Gegend rannten, große Autos und Eselkutschen.

Unser letzter Stopp war die Omatako Clinic. Da unsere Kollegen erst im Februar da waren, gab es wohl keinen so großen Bedarf mehr, jedenfalls kamen nur drei Patienten zu uns. Auf dem Heimweg nach Grootfontein machten wir Halt beim Kalahari New Hope Project der Rumänin Cornelia Pape, die sich dort mit ihrer Familie und Hilfe von mehreren Volontären ein völlig autarkes Leben aufgebaut hat. Fast alles wird selbst produziert und angebaut.  Das Hauptanliegen Cornelias sind aber die Einheimischen, denen sie anbietet ihnen zu zeigen wie man richtige Häuser bauen kann, die Wind und Wetter standhalten. Außerdem hat sie eine Schule gegründet und versorgt die Schüler mit zwei warmen Mahlzeiten pro Tag. Wir waren völlig überwältigt von so viel Energie, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und diesem höchsten Maß an Idealismus.

Tief beeindruckt und mit einem riesigen Berg an Eindrücken und Erfahrungen fuhren wir erst zurück nach Grootfontein und verbrachten dann noch einen letzten wunderschönen Abend zusammen mit Lothars Familie in Windhoek.

Auf ein baldiges Wiedersehen mit meinem Team, in Namibia oder einem weiteren wunderschönen Land.

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