von Annette Kirchner-Schröder

Anfang des Jahres beschloss ich, mir einen Kleinbus und eine eigene mobile Behandlungseinheit zu kaufen, um zukünftige Einsätze ohne die Unterstützung großer Hilfsorganisationen durchführen zu können. Diese neue Unabhängigkeit verschafft mir mehr Freiraum hinsichtlich Terminplanung und Einsatzvorbereitung. Sie erfordert aber auch ein hohes Maß an Eigeninitiative, Kommunikationsfreude mit Firmen, Patienten, interessierten Gruppen und Vereinen und die Bereitschaft, bei finanziellen Engpässen eigene Geldmittel einzubringen. Aber es macht viel Freude und „süchtig“ nach mehr… 

Am Ostermontag holte ich meine Kollegin Anne Meurer in Heidelberg ab und wir machten uns auf den langen Weg nach Rumänien. Der Start war nicht so verheißungsvoll, denn bereits beim ersten Tanken, beschädigte ein niederländisches Auto meinen Bus beim Ausparken. Das nachfolgende Procedere kostete uns eine Stunde. Um es vorweg zu nehmen: es war das einzige Missgeschick, welches uns auf den 3438km widerfuhr.

Nach einer Übernachtung am Neusiedler See kamen wir am anderen Tage in Luncani an. Der Bus war bis an den Rand mit Hilfsgütern vollgestopft (Medikamente, Kleidung, Schuhe, Decken, Gehhilfen, ein Rollstuhl, Geschirr, Besteck…), aber dank der Hilfe der Heimbewohner war das Ausladen eine Sache von 15 Minuten. Unsere Kisten mit Materialien und Instrumenten waren diesmal sehr übersichtlich, da wir akribisch darauf geachtet hatten, nur Dinge mitzunehmen, die auch wirklich benötigt werden , um effizient und sorgfältig arbeiten zu können.

Anderntags bauten wir die Praxis auf und nahmen die mobile Einheit in Betrieb.

Bereits nach einer Stunde konnte die Behandlung beginnen. Zuerst kamen die Heimbewohner an die Reihe. Sie waren in den letzten Einsätzen jedoch schon soweit saniert worden, so dass nur einige Füllungen, wenige Extraktionen und Zahnsteinentfernungen auf dem Programm standen. Danach begannen wir mit den Untersuchungen der Bewohner der Romasiedlung ICAR, die mit einem Bus zu uns transportiert wurden. Zuerst konnten sie duschen, dann nahmen sie auf dem Zahnarztstuhl Platz und bekamen nach der Behandlung Zahnbürsten und  Zahnpasta. Für die Kinder hatten wir kleine Geschenke wie Malstifte, Jojo, Stempel, Bälle und Luftballons mitgebracht. Am Ende konnten sie unter den mitgebrachten Hilfsgütern Kleidung und Schuhe auswählen.

Insgesamt arbeiteten wir 3 Tage lang, täglich etwa 10 Stunden. Unterstützt wurden wir von Sandu Pop, einem Heimbewohner, der uns den ganzen Tag geduldig assistierte. Am Ende hatten wir 55 Patienten behandelt, fast alle sind nun komplett saniert. Dabei wurden 54 Zähne extrahiert, 52 Füllungen gelegt, 4 Wurzelbehandlungen durchgeführt und 28mal, der zum Teil massive Zahnstein entfernt. Auch konnten wir einige Zähne versiegeln. Die wochenlangen Zahnschmerzen haben ein Ende und Gerhard Spitzer, der Leiter des Projekts versicherte uns, dass er seit den halbjährlichen zahnärztlichen Kontrollen kaum noch Antibiotika oder Schmerzmittel für die Heimbewohner und die Romasiedlung benötigt.

Eine schöne Aktion war es auch, den mitgebrachten Rollstuhl zu verschenken.

Wir besuchten eine Frau, die seit 4 Monaten nicht mehr gehfähig ist und in einem kleinen dunklen Raum auf einem Bett saß, während draußen die Frühlingssonne schien. Ihr glückliches Gesicht, als sie samt Rollstuhl über die Schwelle ins Freie geschoben wurde, werden wir nie vergessen.

Am Ende unseres Aufenthaltes in Luncani besuchten wir die Romasiedlung ICAR, um uns von den Fortschritten, die dieses Projekt macht, zu überzeugen.

Das im letzten Jahr errichtete Holzhaus ist nun fertig und eine 5-köpfige Familie konnte dort vor dem Winter einziehen. Für dieses Jahr ist die Errichtung von 3-5 weiteren Häusern geplant, denn die momentane Wohnsituation der Menschen ist noch sehr unbefriedigend.

Nach diesen Tagen waren wir etwas erschöpft, zumal uns Magen-Darmprobleme das Leben erschwerten. Da das orthodoxe Osterfest vor der Tür stand und wir an den Feiertagen keine Behandlungen durchführen wollten, fuhren wir für 2 Tage in die Berge. Nach 4 Autostunden (die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit in Rumänien beträgt 50kmh) kamen wir zu einem Bergsee, zu dem eine 9km lange Schotter- und Schlaglochpiste führt. Die Ruhe und auch die Nulldiät am Abend brachte uns neue Energie. Am nächsten Tag besuchten wir unsere Freunde vom Projekt „Tăşuleasa social“, mit denen wir im Jahr zuvor im Donaudelta waren und die Kinder der Insel Maliuc behandelt hatten und deren Voluntäre und Angestellte im vergangenen Herbst durch uns saniert worden waren. Diesmal gab es keine Arbeit, nur ein herzliches „ Christos a înviat!“ (Christus ist auferstanden!), womit sich die orthodoxen Rumänen in der Osterzeit begrüßen, dazu traditionelle Osterspeisen wie „drob de miel“, eine Art Hackbraten mit Innereien vom Lamm, bemalte Eier, typische Salate und Kuchen. Bereits nach einer Übernachtung mussten wir weiter, denn es wartete noch eine große Herausforderung auf uns, die Bewohner der Behinderteneinrichtung CITOPH in Bădăcin, ebenfalls 4 Autostunden entfernt. Für mich war es der 5. Besuch in diesem Heim.

Diesmal sollten die Untersuchungen außerhalb der Wohnheims stattfinden.

Seit 3 Monaten arbeitet der junge Zahnarzt Dan Pop-Silvaşan in dem Nachbarort Şimleu-Silvaniei in einer Praxis, die sich im Haus des dortigen Pfarrers Vasile Boşca befindet. Der Stuhl und der Sterilisator sind Spenden der Diakonie Neuendettelsau. Dankenswerterweise stellte uns Herr Pop die Praxis für 2 Tage zur Verfügung, so dass wir einen ähnlichen Behandlungskomfort wie zu Hause vorfanden. Eine besondere Freude war es für mich, meine rumänische Kollegin Mariana Grinov in die Arme schließen zu können. Sie ist ein Meister ihres Fachs und mir bereits zum 4.Mal eine grandiose Unterstützung. Am nächsten Morgen konnte es dann endlich losgehen. Franziska Bauer und Jennifer Riese, 2 Praktikantinnen der Fachakademie für Sozialpädagogik aus Hof, übernahmen den Transport vom Heim zur Praxis. Sie organisierten diesen so hervorragend, so dass wir nie Leerlauf hatten, sondern immer genügend Patienten vor Ort waren, die zum Teil durch das Fenster die Behandlungen ihrer Mitbewohner sehr interessiert verfolgten.

Allein dieser Ausflug versetzte einige Bewohner in Hochstimmung. Wir arbeiteten 2 lange Tage und hatten am Ende 87 Konsultationen (bei insgesamt 81 Patienten) absolviert. Das sind 2/3 der gesamten Bewohnerzahl.

Diese Anzahl gewinnt in sofern an besonderer Bedeutung, wenn man weiß, dass einige Bewohner extrem behindert sind, um sich schlagen, schreien und oft nur mit 5 Leuten, die auf sie einreden und festhalten, zu behandeln sind. Mehr als einmal war unsere Anästhesienadel s-förmig verbogen. Trotzdem hatten wir viel Spaß, denn auch Freudentänze von einigen Patienten beim Versprechen, ihnen nachher eine schöne Füllung zu machen, waren an der Tagesordnung. Einige Patienten besuchten wir in der Mittagspause in ihren Häusern, da sie zum Teil bettlägerisch sind. Auch ihnen konnte geholfen werden. Am Ende jeder Behandlung gab es Zahnbürsten, Zahnpasta und diverse kleine Geschenke.

Insgesamt fiel mir auf, dass sich langsam ein Erfolg unsere Bemühungen einstellt. Die katastrophalen Zustände der Zähne zu Beginn unserer Einsätze (Frühjahr 2010) sind seltener geworden. Bei einigen Bewohner ist nur Zahnstein zu entfernen. Oft wird nur ein Zahn gezogen und eine Füllung gelegt.

Die Bilanz unseres Einsatzes: 134 Extraktionen, 23 Füllungen, 19 Zahnsteinentfernungen, 2 Wurzelbehandlungen.

Wir haben nun 125 Bewohner gesehen, also nahezu jeden Bewohner wenigstens 1mal, die meisten 3-5mal behandelt. Auch hier gehören nun Zahnschmerzen über einen langen Zeitraum der Vergangenheit an, zumal sich Herr Pop bereit erklärte, dringende Schmerzfälle unendgeltlich zu übernehmen.Trotzdem werden wir weiterhin versuchen, im Halbjahresrhythmus vor Ort tätig zu werden.

Ich danken allen Beteiligten an diesem Hilfseinsatz:

  • meinen Kolleginnen Anne und Mariana
  • Franziska und Jennifer für den Patiententransport
  • unserer Dolmetscherin Anneliese Schneider, die uns trotz unserer Rumänisch-Grundkenntnisse eine große Hilfe war (und uns am Ende des 2.Tages das Feierabendbier spendierte)
  • Pfarrer Boşca und seiner Frau für die Unterkunft und das Frühstück
  • Zahnarzt Pop für die unkomplizierte Überlassung seiner Praxis
  • der Kirchengemeinde Rehau für die Übernahme der  Fahrtkosten
  • Nanne Wienands, die mich immer auf dem Laufenden hält und alle Fragen beantwortet
  • der Firma VOCO für die großzügige Materialspende
  • der Firma DENTCONSULT für das neue rote Winkelstück
  • der Firma METIS DENTAL für den Rabatt beim Kauf der mobilen Einheit
  • meinem Zahntechniker Herrn Ewald und seiner Frau für die tollen Geschenke und Zahnbürsten
  • der ARGE Jugendzahnpflege Rheinland-Pfalz für Bürsten, Becher, Zahnpasta
  • Tim Redenbach von der Sparkasse Kaiserslautern für Stifte, Malbücher und Kuscheltiere
  • der Apotheke in Otterbach für die Überlassung von Medikamenten
  • dem DRK Otterbach für die Abgabe des Rollstuhls
  • …und und und… vielen anderen Menschen, die Geld für Materialien spendeten,     Zahnbürsten bereit stellten, Hilfsgüter ablieferten, Mut zusprachen
  • meinen Mitarbeiterinnen, die mir bei der Vorbereitung halfen und in Gedanken mit mir waren
  • nicht zuletzt meiner Familie, die meine Arbeit toll findet und inmeiner Abwesenheit  alles selbst organisiert hat
  • Danken möchte ich auch denen, die mir, aktiv oder durch Passivität, Steine in den Weg gelegt haben. Der Wille, diese aus dem Weg zu räumen, verlieh mir Flügel und ließ mich wachsen.

Allen ein herzliches MULŢUMESC TARE!

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