Bericht von Dr. Antje Grocholl (E-Mail: grocholl@me.com)
Anreise und erster Einsatztag
Nach einer Nacht mit schweren Gewittern beginnt unser erster, offizieller Einsatztag in Tansania nicht in einem Behandlungsraum, sondern auf einer verschlammten Piste. Die Regenfälle haben die ohnehin unbefestigten Straßen in rutschige, rote Lehmbahnen verwandelt. Fahrzeuge geraten ins Schlingern, Busse bleiben stecken und selbst leichte Steigungen werden zu großen Hindernissen.
Unser Fahrer meisterte die schwierigen Bedingungen, selbst bei einem Platten souverän; gut durchgerüttelt erreichte unser Konvoi, bestehend aus zwei Jeeps, schließlich das erste von insgesamt sechs Health-Centern.
Seit dem 14. Februar 2026 sind wir über die Organisation Zahnärzte ohne Grenzen (DWLF) in Tansania im Einsatz. Schon bei der Ankunft wird deutlich: Dieses Land ist geprägt von beeindruckender Weite, intensiven Farben und einer großen Herzlichkeit der Menschen. In den Bergdörfern im Südosten Tansanias treffen jahrhundertealte Traditionen und moderne Einflüsse unmittelbar aufeinander.
Viele Menschen kochen über offenem Feuer, bearbeiten ihre Felder mit einfachen Hacken oder fischen aus kleinen Holzbooten – körperlich teils schwerste Arbeit, die den Alltag bestimmt. Gleichzeitig sind Smartphones und Motorräder allgegenwärtig. Es wirkt, als würden hier zwei Zeitalter direkt aufeinandertreffen.
Das Team
Unser Kernteam für die zwei Wochen bestand aus:
- Dr. Heike Steffen (AD),
- Christine Grambow (ADH), mir selbst,
- Dr. Antje Grocholl (GL/AD)
Alle Teammitglieder hatten bereits Einsatzerfahrung in internationalen Projekten gesammelt. Ergänzt wurde unser Team durch den tansanischen Zahnarzt Dr. Joachim Henjewele, der seit kurzem im Litembo-Hospital tätig ist.
Der mobile Einsatz war interdisziplinär organisiert. Zum gesamten Einsatzteam gehörten Fachkräfte aus der:
- Augenheilkunde
- Gynäkologie
- Inneren Medizin
- Zahnmedizin (drei Zahnärzte)
- sowie eine Ordensschwester, die Ultraschalluntersuchungen durchführte.
Die spendenfinanzierte, mobile Klinik stellt ein sehr erfolgreiches Projekt dar. Sie stärkt nicht nur den Standort Litembo, sondern ist für viele Menschen in den ländlichen Regionen der einzige Zugang zu medizinischer Versorgung. Durch die Expertise verschiedener Fachrichtungen, wie Radiologie, Gynäkologie, Innere Medizin, Augen- und Zahnheilkunde; kann ein breites Spektrum an Versorgungsleistungen angeboten werden.
Eine besondere Bereicherung für uns war David, ein Medizinstudent, der zur med. Famulatur in Litembo weilte und fließend Swahili sprach. Seine Sprachkenntnisse waren für den gesamten Einsatz von unschätzbarem Wert. Er übersetzte präzise die Anliegen der Patienten, Befunde und Behandlungsschritte, half Vertrauen aufzubauen, nahm Patienten die Angst.
Equipment und Logistik
Während der ersten sechs Tage der mobilen Klinik war unser Team auf zwei Jeeps verteilt. In den Wagen war neben uns, das persönliche Gepäck, ein Stromgenerator und das komplette medizinische Equipment verstaut, darunter:
- zwei Behandlungsliegen
- ein Dampfsterilisator
- zwei mobile Dentaleinheiten
- zwei Werkzeugkisten mit Füllungsmaterialien
- Kisten mit Zangen, Hebeln und zahnmedizinischen Instrumenten
- OP-Materialien
- Zahnbürsten und Spielzeug für die kleinen Patienten
Die DWLF hatte vorab neben Materialien auch zwei Massageliegen sowie eine mobile Behandlungseinheit nach Tansania bringen lassen. Dadurch waren wir rundum arbeits- und einsatzfähig. Zusätzlich hatten wir Materialien für Organisation und Improvisation dabei, darunter:
- Plastikschürzen
- abwaschbare Patientenumhänge
- Aufkleber, Panzertape
- Permanentmarker
- Adapter und Verlängerungskabel
- Übersetzungsliste Deutsch/ Swahili
Praktischer Hinweis für Folgeteams (Gepäcklogistik):
Bei internationalen Flügen können in der Regel zwei Gepäckstücke à 23 kg pro Person aufgegeben werden. Beim Inlandsflug von Dar es Salaam nach Songea ist die Freigepäckmenge jedoch deutlich geringer.
Zusätzliches Gepäck kann direkt am Schalter in Dar es Salaam unkompliziert nachgebucht werden. Für zwei zusätzliche Gepäckstücke zahlten wir insgesamt 30 US-Dollar.
Sechs Tage mobiler Einsatz
Jeden Tag arbeiteten wir in einem anderen Health Center, die meisten davon werden von Ordensschwestern geführt. Die Anfahrt dauerte in der Regel eineinhalb bis zwei Stunden.
Vor Ort verwandelten wir mit unserem mitgebrachten Equipment einen leeren Raum in ein improvisiertes Behandlungszimmer. Ein Krankenbett wurde zum Arbeitstisch, ein vorhandener Gynäkologie-Stuhl zum Behandlungsstuhl. Die Bedingungen vor Ort waren einfach, wir suchten zusammen, was wir zusätzlich brauchten, Mülleimer, einen Tisch, einen Stuhl …
Zu Beginn eines jedes Tages stellten sich alle Fachärzte den wartenden Patientinnen und Patienten vor. Ein besonderes Ritual: Einige Patienten standen auf und berichteten öffentlich von ihren Beschwerden. Diese Transparenz schuf Vertrauen und Gemeinschaft. Die Ärzte nutzten auch diese Gelegenheit für medizinische Aufklärung.
Viele Menschen hatten stundenlange Fußmärsche hinter sich, um die mobile Klinik zu erreichen. Besonders beeindruckend war ihre Geduld. Es gab kein Drängen und keine Beschwerden – stattdessen große Dankbarkeit und Würde. Erstaunlich war, dass kein Patient unbehandelt blieb, und dass deshalb z.T. bis 20:30 Uhr behandelt wurde.
Zahnmedizinische Situation
Die zahnmedizinischen Befunde waren meist eindeutig und schwerwiegend.
- fortgeschrittene kariöse Läsionen, Wurzelreste,
- unbehandelte Pulpitiden,
- Parodontal Erkrankungen,
- fehlende prothetische Versorgung.
In vielen Fällen blieb nur die Extraktion als Therapieoption. Unter mobilen Bedingungen sind konservierende Maßnahmen nur eingeschränkt möglich. Dennoch versuchten wir, wo immer es vertretbar war, zahnerhaltend zu arbeiten. Im Verlaufe des Einsatzes wurde der Aufbau der mobilen Zahnstation effizienter. Die Abläufe griffen zunehmend besser ineinander. Es war uns möglich, mehr Füllungstherapien durchführen, als Extraktionen vornehmen zu müssen.
Großartig unterstützt von Tine und David konnten wir als Behandler-Team ca. 250 Füllungen und über 200 Extraktionen, Mundschleimhautbehandlungen und Zahnreinigungen durchführen.
Momente, die bleiben
Ein besonders angespannter Moment entstand während einer Zahnsteinentfernung: Christine bekam trotz angelegter Schutzbrille Blut eines Patienten ins Auge. Für etwa zwanzig Minuten herrschte ängstliche Angespanntheit, bis das Ergebnis des HIV-Tests vom Patienten vorlag: glücklicherweise negativ.
Außerdem war es uns möglich, den Kollegen der anderen Fachrichtungen über die Schulter zu schauen und Krankheitsbilder zu sehen, die wir hier in Europa deutlich seltener antreffen.
Stationäre Arbeit in Litembo
Nach sechs Tagen mobilen Einsatzes wechselten wir in das Krankenhaus von Litembo, wo wir unter stationären Bedingungen weitere vier Tage arbeiteten. Auch hier konnten wir hospitieren, z.B. bei Kaiserschnitt-OPs, an Ärztebesprechungen der Klinik teilnehmen und eine neue Ausbildungsstätte für Krankenschwestern und Laborantinnen besuchen.
Neben dem täglichen Behandeln blieb uns auch Zeit, die Umgebung zu erkunden. Wir besuchten die umliegenden Dörfer der Kaffeebauern, stiegen auf den Hausberg und besuchten eine deutsche Ordensschwester, die seit 40 Jahren im angrenzenden Kloster wohnt. Vor Ort hatten wir eine solide Unterkunft im Gästehaus des Klosters mit gutem Essen.
Fazit
In den abendlichen Auswertungsgesprächen äußerten die Ordensschwestern einen klaren Wunsch: Solche Einsätze, wie der unsere, sollten häufiger stattfinden.
Derzeit findet die mobile Klinik für die Patienten nur dreimal im Jahr statt, aber jeweils immer an anderen Orten. So haben die Patienten nur einmal jährlich die Chance auf kostenfreie Behandlung.
Für die DWLF zeigt dieser Einsatz erneut, wie wichtig kontinuierliche Unterstützung ist. Mobile Medizin schließt Versorgungslücken, die sonst dauerhaft bestehen würden. Nachhaltig wird es durch zusätzliche Ausbildung, Materialunterstützung und langfristige Partnerschaften.
Während für uns in Deutschland Prophylaxe, ästhetische Korrekturen und frühzeitige Diagnostik selbstverständlich sind, leben viele Menschen in Tansania beispielsweise dauerhaft mit Lücken durch Zahnverlust. Hochwertige Füllungen, Wurzelkanalbehandlungen oder prothetische Versorgungen sind für die Landbevölkerung oft nicht erreichbar. – Medizinische Versorgung ist eben keine Selbstverständlichkeit!
Was bleibt …
… sind Erinnerungen an eine herzliche und wertschätzende Zusammenarbeit mit gegenseitiger Unterstützung und echten Begegnungen. Es sind die liebevollen Gesten z.B. der Ordensschwestern, die extra für uns Pizza gebacken haben und uns mit süßem Gebäck für den langen Heimweg überraschten.
Gerührt waren wir auch durch ein für uns organisiertes Abschiedsessen am letzten Abend an dem alle Ärzte, Ordensschwestern und Pater Raphael teilnahmen.
Diese und andere schöne Situationen haben dieses gemeinsame Erleben zu etwas gemacht, das weit über die eigentliche Arbeit hinaus bereichert.
„Hakuna Matata“ ist dabei mehr als nur eine Redewendung. Es beschreibt eine Haltung. Trotz struktureller Herausforderungen begegneten uns die Menschen mit Gelassenheit, Freundlichkeit und Optimismus. Davon packen wir viel in unser Gepäck für daheim. – In Deutschland habe ich übrigens noch nie ein lebendes Huhn für eine Füllung bekommen. :-)
Wir kehren mit großer Dankbarkeit zurück – fachlich bereichert, menschlich bewegt und motiviert, unsere Arbeit mit neuer Perspektive fortzuführen. –Vielleicht sehen wir uns bald wieder in Afrika?
Vielen Dank an alle uns unterstützenden Menschen und Institutionen.
Zahnärzte ohne Grenzen bittet um Unterstützung:
Altgoldsammeln für ein neues Kinderlächeln
Eine Bitte an geneigte Zahnärztinnen und Zahnärzte: Möchten Sie mit Ihrer Praxis Zahnärzte ohne Grenzen unterstützen und für uns – mit Einverständnis Ihrer Patienten – Altgold sammeln? Sie und Ihre Patienten unterstützen damit vor allem unsere zahnärztlichen Assistenzen und Zahntechniker, welchen wir aus dem Erlös Zuschüsse zu den Einsatzkosten gewähren können.
Wenn Sie uns unterstützen möchten, wenden Sie sich bitte an unseren Beauftragten für das Altgoldsammeln.
