Bericht von Tugba Keskin

Ein persönlicher Erfahrungsbericht
über den zahnmedizinischen Einsatz in Praia, Kap Verde


Ein Abenteuer beginnt

Am 10. September 2026 startete mein zahnmedizinischer Einsatz mit Zahnärzte ohne Grenzen in Praia, auf den Kapverden. Eigentlich hatte ich geplant, mit zwei Kolleginnen zu reisen. Als beide absagten, stand ich vor der Frage, ob ich mich allein auf den Weg machen sollte. Ich war aufgeregt, entschied mich aber, diese Chance nicht verstreichen zu lassen – und bin heute sehr froh darüber.

Die Anreise über Lissabon verlief reibungslos. Am Flughafen in Praia wurde ich von meinen Teamkolleginnen abgeholt, und gemeinsam fuhren wir zu unserer Unterkunft. Damals wusste ich noch nicht, welche besonderen Begegnungen und Herausforderungen mich in den nächsten zwei Wochen erwarten würden.

Zu unserem Team gehörten

  • Dr. med. Larissa Rose aus Hamburg,
  • Dr. med. dent. Kirstin Wocken, Berlin
  • und ich, Tugba Keskin, Heilbronn.

Vor der Reise hatten wir eine gemeinsame Gruppe erstellt, Unterlagen von DWLF erhalten und uns in einem Video-Call ausgetauscht. Persönlich lernten wir uns erst vor Ort kennen. Wir fanden schnell zusammen und unterstützten uns bei der Arbeit und außerhalb der Behandlungen.

Unser Bus und der tägliche Weg zur Station

Unsere Tage begannen mit dem Frühstück in unserer sauberen Unterkunft. Es gab frisches Obst, Brot, Marmelade, Käse und Kaffee. Gegen 8 Uhr holte uns unser Fahrer ab und brachte uns zur Station Fazenda. Meistens waren wir zwischen 13 und 14 Uhr mit den Behandlungen fertig und wurden anschließend wieder zur Unterkunft gefahren.

Die Station Fazenda – Praxis, Klinik und Team

Die Station bestand aus mehreren Gebäuden: In einem befand sich die zahnmedizinische Abteilung, in einem weiteren die Dermatologie und weiter hinten die gynäkologische Praxis. Außerdem gab es einen Gemeinschaftsraum, der als Essens- und Besprechungsraum genutzt wurde.

Vor Ort arbeiteten wir mit der Zahnärztin Agátha und ihrer Assistentin Gerusa zusammen. Ich unterstützte die beiden behandelnden Zahnärztinnen im Wechsel und half dort, wo gerade eine zusätzliche Hand gebraucht wurde.

Die Mittagspause: gemeinsam essen und Kraft sammeln

Mittags aßen wir im Gemeinschaftsraum der Station. Es gab verschiedene Gerichte – Hähnchen, Fisch oder eine vegetarische Variante. Nach einem Vormittag mit vielen Patienten freuten wir uns auf das gemeinsame Essen und die Gelegenheit, uns auszutauschen. Diese Pause war ein fester und angenehmer Teil unseres Arbeitsalltags.

Zahnmedizin unter anderen Bedingungen

Schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, wie unterschiedlich die Arbeitsbedingungen im Vergleich zu Deutschland waren. Die technische Ausstattung war begrenzt: Turbinen funktionierten nicht immer zuverlässig, manchmal gab es kein Wasser und einige Geräte fielen aus.

Dennoch gelang es uns, mit den vorhandenen Materialien und den gegebenen Möglichkeiten die Behandlungen durchzuführen. Besonders schön war es zu erleben, wie freundlich und aufgeschlossen die Patientinnen und Patienten waren und wie dankbar sie für unsere Arbeit und die Hilfe waren, die wir ihnen anbieten konnten.

Stromausfall und unser Motto: „No stress!“

An einem Tag fiel nach starkem Regen der Strom aus. Damit funktionierte auch die Klimaanlage nicht mehr, und es wurde zunehmend heiß in den Behandlungsräumen. Während eine meiner Kolleginnen eine Patientin im Rollstuhl behandelte, bei der 16 Zähne entfernt werden sollten, lief ihr der Schweiß unter dem T-Shirt entlang. Auch eine Turbine zerlegte sich während einer Behandlung in ihre Einzelteile. Der Patient wartete geduldig, während wir versuchten, sie wieder zusammenzusetzen.

Die Situationen waren manchmal anstrengend, aber sie zeigten, wie wichtig Geduld, Flexibilität und Zusammenhalt sind. Unser gemeinsames Motto wurde schnell „No stress!“ – denn auch wenn nicht alles nach Plan lief, versuchten wir, ruhig zu bleiben und das Beste daraus zu machen.

Ein besonderer Besuch im Gefängnis

Während unseres Einsatzes besuchten wir das örtliche Gefängnis, wo wir Untersuchungen bei den Inhaftierten durchführten. Ich unterstützte das Team bei den Untersuchungen und der Dokumentation.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Fahrt dorthin: Ich sah beschädigte Straßen und einfache Häuser, während die Menschen im Bus fröhlich miteinander redeten und lachten. Im Gefängnis erhielten wir gelbe Schleifen, da auf den Kapverdischen Inseln ein Gedenktag für Suizidopfer begangen wurde. Dieser Moment hat mich daran erinnert, dass man den Menschen ihre Sorgen nicht immer ansieht und hinter einem Lächeln oft mehr stecken kann, als man vermutet.

Cidade Velha: Geschichte und Meer

Bei unserem Ausflug nach Cidade Velha bekamen wir einen Eindruck von der Geschichte der Kapverden. Die historischen Steinmauern und die Lage direkt am Meer machten den Ort besonders eindrucksvoll. Der Ausflug war eine Gelegenheit, neben dem Arbeitsalltag auch das kulturelle Erbe der Insel kennenzulernen.

Ein Tag auf der Bananenplantage

Ein besonders schöner Ausflug führte uns zu einer Bananen- und Kokosnussplantage. Einheimische Frauen zeigten uns, wie Cousous, ein süßer gedämpfter Kuchen, und Fidjós, frittierte Bananenküchlein, zubereitet werden. Wir probierten frische Früchte, darunter Papaya, Maracuja und Kokosnuss. Es wurde gesungen, getanzt und viel gelacht.

Eindrücke aus den Straßen von Praia

Auch abseits der Station begegneten uns unterschiedliche Eindrücke. Manche Häuser und Straßen wirkten stark beschädigt oder unfertig, während farbenfrohe Wandmalereien ganze Fassaden schmückten. Auf dem Markt herrschte lebhaftes Treiben. Überrascht hat mich, wie hygienisch vieles trotz der schwierigen Infrastruktur war. Nach starkem Regen konnte jedoch plötzlich vieles stillstehen: Es fiel der Strom aus, die Wasserversorgung war eingeschränkt, Straßen waren schwer passierbar und teilweise fiel der Unterricht aus.

Unsere Arbeit in Zahlen

In den zwei Wochen konnten wir gemeinsam viel erreichen. Insgesamt führten wir 159 Füllungen, 85 Extraktionen und 56 Zahnreinigungen durch. Zusätzlich fanden 100 zahnmedizinische Kontrollen in der Klinik statt. Bei unserem Einsatz im Gefängnis untersuchten wir weitere 60 Inhaftierte, um ihren zahnmedizinischen Behandlungsbedarf festzustellen und zu dokumentieren.

Die Abende, die uns verbunden haben

Nach der Rückkehr von der Station ruhten wir uns meist kurz aus und gingen abends oft gemeinsam zum nahe gelegenen Strand. Wir aßen zusammen, spielten Karten und erzählten uns von den Erlebnissen des Tages. Auch die Ausflüge und Begegnungen mit den Menschen vor Ort machten den Einsatz zu viel mehr als nur einer Arbeitsreise.

Was ich aus Praia mitnehme

Wenn ich heute diesen Bericht schreibe, kommt dieses warme Gefühl wieder hoch. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich Dr. Larissa Rose und Dr. Kirstin Wocken kennenlernen durfte. Mit ihrer herzlichen Art, unserem gemeinsamen Lachen und den vielen schönen Erlebnissen sind sie mir in kurzer Zeit sehr ans Herz gewachsen. Ich werde unsere Gespräche, die Abende am Strand und selbst die chaotischen Momente auf der Station vermissen.

Auch Dr. Agátha Cristina Freire hat mich tief beeindruckt. Ihre Herzlichkeit, ihre Leidenschaft und ihr Einsatz für eine gute medizinische Versorgung der Menschen in ihrer Heimat haben mich berührt. Ich bin ihr dankbar, dass sie uns ihr Land so nahegebracht und uns viele unvergessliche Einblicke ermöglicht hat.

Trotz meiner anfänglichen Aufregung bin ich froh, dieses Abenteuer gewagt zu haben. Es hat mir neue Perspektiven eröffnet und mir gezeigt, wie viel man geben und gleichzeitig zurückbekommen kann. Mein Wunsch ist es, dass eine gute medizinische Versorgung kein Privileg bleibt, sondern für alle Menschen zugänglich wird, unabhängig davon, an welchem Ort der Welt sie leben.


Zahnärzte ohne Grenzen bittet um Unterstützung:
Altgoldsammeln für ein neues Kinderlächeln

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